Heilgenjhaus: Segelfliegen am Meiersberg

Heiligenhaus : Niederberger Segelflieger vor dem Abheben

Ein Besuch zum Saisonstart zeigt: Sportflug Niederberg mit seinem Hauptquartier am Meiersberg ist ein sehr besonderer Verein.

Tiefhängender Nebel, graue Wolken und ein fast regungsloser Windsack – nicht erst der Blick auf die Wetter-App verrät Axel Graf am Vormittag des 1. Mai, dass die Wetterbedingungen für das Segelfliegen an diesem Tag nicht die besten sein werden. Trotzdem geht’s für ihn, an diesem Tag einer von zwei diensthabenden Fluglehrern, sowie für den Fliegernachwuchs auf den Meiersberg. Seit 1958 sind die Sportflieger Niederberg als Luftsportverein Betreiber des Flugplatzes an der Grenze zu Homberg.

Alles beweglich und funktional: Das sogenannte „Towerchen“ sichert den Flugbetrieb am Meiersberg. Foto: Blazy, Achim (abz)

Zwischen April und Oktober, an Wochenenden und Feiertagen, wird dort gestartet und gelandet. Dabei beginnt für die Sportflieger jeder Flugtag ähnlich, nämlich gegen 9 Uhr mit einem Briefing. „Da wird alles besprochen, was an diesem Tag wichtig ist. Das Wetter, wie viel Flugschüler da sind zum Beispiel, oder wer welche Dienste übernimmt“, sagt Graf. Denn Segelfliegen, das betonen die Mitglieder des Vereins, ist Teamsport, auch wenn man oft allein im Cockpit sitzt. Am Vormittag übernimmt Michael Dick den Dienst an der Winde. „Alice“, so heißt die selbstgebaute Winde, hat zwei 1000 Meter lange Stahlseile an Bord, von dem eines die Segelflugzeuge mit etwa 100 Kilometern pro Stunde in die Luft zieht, bevor es vom Piloten ausgeklinkt wird. Auf den menschlichen Körper im Cockpit wirken dann Kräfte von etwa zwei bis drei G. Nach dem Ausklinken sorgen kleine Seilfallschirme dafür, dass das Seil nicht ungebremst zu Boden fällt. Bevor es allerdings in die Luft geht, müssen die Segelflugzeuge erst einmal startklar gemacht werden.

Ganz ohne Motorkraft funktioniert Segelfliegen nicht: Michael Dick betreibt die Spezial-Winde, die das Flugzeug beim Start hochzieht. Foto: Blazy, Achim (abz)

Dafür hat das Fliegerteam aufgrund der schlechten Wetterlage viel Zeit, erst zum Nachmittag wird es aufklaren. Und so wird eines der Ausbildungsflugzeuge heute zum ersten Mal seit der winterlichen Werkstattpause aus dem Hangar geholt. Dafür müssen aber erst die Holme, also die Flügel, dieses Modells, einer Schleicher K8b, Baujahr 1964, mit Metallbolzen am Rumpf fixiert werden. Der Segler hat eine Bauweise aus einem Stahlrohrrumpf und Holme aus einem Holzgerippe. Er eignet sich besonders gut für die Ausbildung.Nachdem für die Montage schon zusammengearbeitet werden muss, übernimmt der Fliegernachwuchs den Check: Der 16jährige Daniel überprüft nun, ob alles so funktioniert, wie es soll und das tut es. „Sicherheit wird hier sehr groß geschrieben“, erzählen Brian und Felix. Sie haben ihre Lizenz, die man ein Leben lang behält, schon in der Tasche. Für die Prüfung muss man Antworten auf über 3.000 Fragen kennen. „Da kann die Funktion jeder Schraube abgefragt werden. Das ist locker dreimal so viel Stoff wie für den Pkw-Führerschein“, sagt Brian.

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Hinter dem himmlischen Hobby stecken also nicht nur Kosten, sondern auch Arbeit am Boden, denn die Flieger verbringen viel ihrer freien Zeit auf dem Flugplatz, auch weil man dort Arbeitsstunden für den Verein ableistet, damit alle fliegen können. Aber: „Es lohnt sich. Das Fliegen ist unglaublich geil“, findet der siebzehnjährige Felix. Dem kann sich auch Brian nur anschließen: „Man konzentriert sich nur auf das Fliegen, auf nichts anderes. Es gibt kaum etwas, was mehr Spaß macht.“ Für ihn ist das Fliegen (und das Motorradfahren) ein echter Ausgleich zum Beruf. „Und es ist auch Teamfähigkeits-Training“, findet er. An diesem ersten Mai wird er viel im „Lepo“ sitzen, so werden hier die Autos genannt, die die Seile und auch die Segelflieger zum Startplatz ziehen und er wird auf seinen Start wegen des Wetters länger warten müssen. Die Starts werden aus einem Wagen mit Funkgerät, Telefon und Laptop zur Erfassung der Flugbewegungen koordiniert, der wird am südöstlichsten Punkt auf dem Flugplatz aufgebaut, während die Winde am genau entgegengesetzten Ort südöstlich geparkt steht. An diesem Tag wird es die ersten Starts erst am Nachmittag geben und auch die erst einmal nur in Begleitung von Fluglehrer Axel Graf.

Der ist seit über 40 Jahren begeisterter Segelflieger, wie schon sein Vater. Und auch nach vier Jahrzehnten glänzen die Augen noch, wenn er von der Leidenschaft fürs Fliegen spricht, denn die ist eine Konstante in seinem Leben. Im März ist er über die Alpen nach Frankreich gesegelt – ganz ohne Motor, sondern nur dank der Thermik. Einmal in der Luft wird das Segelflugzeug von der Thermik, also dem Aufwind, der durch die Lufterwärmung über Sonnenstrahlen entsteht, in der Luft gehalten. Die Segelflugausbildung kann man mit 14 Jahren beginnen. „‚Auch mit 50 kann noch angefangen. Wichtig ist das fliegerärztliche Tauglichkeitszeugnis“, erklärt Graf. Während die Piloten an diesem Tag auf passendes Wetter warten, nutzen die Flugschüler Linus und Daniel die Zeit für Trockenübungen. Sie tragen Fallschirme, sind festgeschnallt und üben nun auf dem Boden den Flug vom Check bis zum Landen. In der Ausbildung werden sie auf alle Eventualitäten vorbereitet. „Einfach, damit sie die Situationen kennen, die sie erwarten können. Denn in der Luft können sie nicht einfach rechts ranfahren“, sagt Graf. Höhen-, Seiten- und Querruder müssen sie dafür beherrschen, im Cockpit blicken sie auf Fahrt- und Höhenmesser, Kompass, Variometer (zeigt die Steigung an), Flarm (Kollisionswarnsystem), GPS – und einen Faden. „Der auf die Haube geklebte Faden zeigt an, wie das Flugzeug angeströmt wird. Ideal ist, dass der Faden immer gerade ist. So kann sich der Pilot im Raum besser orientieren.“ Dafür ist auch gute Sicht des Piloten wichtig, die orientiert sich am Horizont, der jedoch verschwimmt bei diesigem Wetter. Für die Flieger jedoch zählt jede Minute in der Luft, und das gar nicht, weil die Flugdaten online gesammelt werden, sondern weil die Kunst des Segelflugs in der Erfahrung des Piloten liegt. Der Mensch am Steuerknüppel kann nur im Zusammenspiel mit den Naturgewalten fliegen. Wenn er sein Metier beherrscht, kann er dann im besten Falle stundenlang dahinschweben. Ein Hobby mit Perspektivwechsel, vor allem aber: Ein echtes Abenteuer.

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