Ratingen: Goldbergs Variationen

Ratingen: Goldbergs Variationen

Ratingen ist eine von 42 Kommunen, die sich 2010 auf ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum freuen können – dem Kultursekretariat NRW sei Dank. Der Berliner Künstler Thorsten Goldberg durchwandert bereits die Stadt.

Einen der öffentlichen Plätze der Stadt wird es treffen, so viel ist sicher, alles andere arbeitet noch in dem Mann, der per Losentscheid nach Ratingen kam und im Gespräch mit der RP bekennt: "Ich kenne die Stadt überhaupt nicht. Ich gehe jetzt erst einmal ganz langsam durch die Viertel und schaue mir an, welche Plätze es gibt, wie sie genutzt werden, welche Geschwindigkeit sie haben."

Neben ausgewiesenen künstlerischen Referenzen ist Ortsunkenntnis eine Kernqualifikation für das "Blickwechsel" genannte Projekt unter der Federführung des Kultursekretariats NRW Gütersloh. Gefragt ist der fremde Blick auf eine Umgebung, die den Bewohnern vertraut ist und doch durch die Hervorhebung eines Details durch Künstlerhand neu betrachtet werden kann. "Die Künstler sind eingeladen, mit wenig Aufwand in bestehende Strukturen einzugreifen", sagt Sekretariats-Geschäftsführer Meinolf Jansing. Eine hübsche Skulptur, die mal eben im öffentlichen Raum geparkt wird, sei nicht im Sinne des Projekts.

Kleines Budget

Ratingen darf also gespannt sein, welche Variation Thorsten Goldberg anbieten wird. Viel Geld steht ihm dafür nicht zur Verfügung. Für die "Produktion vor Ort" sind laut Kultursekretariat gerade einmal 500 Euro vorgesehen, also eher eine Low-Budget-Aktion. Doch steht es den Städten selbstverständlich frei, bei Bedarf nachzulegen, wenn sie es selbst können oder es verstehen, Sponsoren zu gewinnen. "Das ist individuelle Verhandlungssache zwischen dem Künstler und der Kommune", so Jansing.

Wo genau er Hand anlegen will, ist dem Künstler überlassen, doch hegt man in Ratingen gewisse Hoffnungen: "Der Wunsch ist, dass ich etwas am Eingang des Museums verändere", sagte Goldberg nach seinem Antrittsbesuch als Blickwechsel-Künstler im Museum der Stadt. Doch versteht er Kunst beileibe nicht als Auftragsarbeit: "Ich werde natürlich auch nicht gegen die Stadt arbeiten, aber bis jetzt kann noch alles passieren – von der Gesangseinlage an der Straßenecke bis hin zu einem Stein, der an einem bestimmten Ort platziert wird." Goldberg kam 1960 im niederrheinischen Dinslaken zur Welt und lebt erst seit der Wende in Berlin. An der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studierte er Bildhauerei bei Inge Mahn, die es in ihrer eigenen Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf zur Meisterschülerin von Joseph Beuys brachte. Ihr Schwerpunkt wurde die plastische Kunst am Bau, und auf eben diesem Pfad wandelt ihr Schüler Goldberg – mit Neon-Zeichen etwa, die am ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke in Berlin spektakulär leuchten; mit nach Renaissancevorbildern gestalteten Kumuluswolken (Haufenwolken) aus Neonbändern und Acrylscheiben, die, auf einen Metallarm gesetzt, direkt neben dem Lippstädter Theater über die Lippe ragen; mit fotografischen und mit Video-Arbeiten; mit einer Art Zeitmesser in Form eines roten Vorhangs, der per Seilzug in zwölf Stunden mit kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit von einem zum anderen Ende eines gläsernen Durchgangs und zurück wandert (Martin-Gropius-Bau der Landesklinik Eberswalde).

Was auch immer in Ratingen passiert, die Ergebnisse werden in allen beteiligten Städten von September bis Oktober dieses Jahres zu sehen sein – bei Interesse der jeweiligen Kommune auch darüber hinaus. Einen Überblick gibt es im Internet unter www.kultursekretariat.de. Ein von Thorsten Goldberg ins Leben gerufenes Internetlexikon zur Kunst im öffentlichen Raum gibt es unter www.publicartwiki.de. Ratingen ist darin nicht vertreten – noch nicht.

(RP)