Ratingen: Glockenklänge hallen durch die Straßen

Ratingen : Glockenklänge hallen durch die Straßen

Seit dem Wochenende wissen die Ratinger, wo die Glocken hängen: Im glänzenden Lkw mit dem Riesen-Glockenspiel, Carillon genannt. 61 Bronzeglocken brachte der Organist und Stadtcarilloneur von Den Haag, Gijsbert Kok, in seinem Gefährt weithin hörbar zum Klingen.

In der Pfarrkirche St. Peter und Paul wiederum versammelten die Legenden ihres Metiers, die Organisten Thomas Trotter (Birmingham) und Pierre Pincemaille (Paris) ein begeistertes Publikum um sich.

Die Kirche war so voll wie sonst nur in guten Weihnachtsmessen - und das konnten nicht nur die Gefolgsleute vom rührigen Verein "musica sacra" sein. Nach mehr als einem Dutzend Jahren hat sich - in der Szene sowieso und auch bei der "normal" interessierten Hörerschaft - herumgesprochen, welche musikalischen Sahneschnittchen in Ratingen zu Gehör kommen. Nun ist der neue Spieltisch, der bei derartigen Konzerten ganz nach vorn in den Altarraum geschoben wird, schon sehr gut geeignet, den Organisten bei seinem Spiel zu beobachten. Also - was fürs Auge.

Der Riesenlaster aber, der mehr als zehn Tonnen Glocken ins Zentrum brachte, war dann eine Besonderheit: Er wurde von seinem Fahrer Pieter kunstfertig durch die Minoritenstraße bis zum Kirchplatz gesteuert, wobei sich sogar Organist Ansgar Wallenhorst und musica-sacra-Vorsitzende Annette Raidt in vielerlei Hinsicht verdient machten. Galt es doch, Absperrungen zu beseitigen und Poller zu versenken.

In der Nacht bewachte Stipendiat Patrick Johansson die kostbare Fracht, und das frohgemut, denn er hatte am Abend seine praktische Magister-Orgelprüfung in St. Jacobus Homberg mit der Note 1,7 bestanden. Gestern Mittag erklang das Carillon noch einmal nach dem Festhochamt bei einer Matinee zum Namensfest der Pfarrkirche.

In der obersten Liga der europäischen Organisten spielen nicht viele Solisten, und nur wenige davon waren noch nicht in Ratingen. Thomas Trotter gehört nun auch zu den begeistert beklatschten Gästen. Der preisgekrönte und mit weltberühmten Orchestern erprobte Musiker, Organist an Westminster Abbey und Gastprofessor am Royal College of Music erfreute Ohr und Herz unter anderem mit einer Transkription für Orgel von der Ouvertüre zum "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn mit einer Sonate in D von Carl Philipp Emanuel Bach und ging dann zu flotteren Stücken über.

Vom Bach-Vater Johann Sebastian erklangen dann im Freien zwei Werke; die Zuhörer, die erst mit Schirm die Kirche verlassen hatten, konnten sich bald schon ohne Regendächer der Musik widmen. Immerhin hat Kok, den man in seinem Truck, genau mittig in einer "Kabine", spielen sehen konnte, Diplome in Kirchenmusik, Orgel und Improvisation (und hat auch bei Ansgar Wallenhorst studiert). Außer seinen musikalischen Ausflügen wirkt er als Organist in drei niederländischen Kirchen und als Dozent an mehreren Konservatorien.

Die Reihen der Zuhörer hatten sich ein wenig gelichtet, als Pierre Pincemaille in die Tasten griff. Da ging die Uhr schon gegen elf und hatte Pastor Schilling um "raschelnde statt klingender" Spenden gebeten. Der so genannte König der Improvisation hatte "Bruder Jakob" als Thema gewählt, das französische Kinderlied, in dem bekanntlich nach den Glocken gefragt wird, die da vielleicht nicht gehört worden sind. Es gibt gut 50 Übersetzungen des Liedes.

Und wenigstens ebenso viele Variationen durften die Ratinger hören, bevor es vom Turm Mitternacht schlug.

(RP)