An(ge)dacht: Geschwister im Glauben

An(ge)dacht: Geschwister im Glauben

Der nette ältere Herr wirkte etwas verunsichert. Er erzählte mir, dass er lange in der Sowjetunion gelebt habe und erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen sei. Den Gottesdienstablauf auf Hebräisch verstand er nicht. Also begann ich, so gut es ging, zu erklären.

All das geschah vor mehr als 20 Jahren. Mit Pfarrer Martin Döring besuchten wir die Saarbrücker Synagoge. Er kannte sich nicht nur in der Lehre Jesu aus, sondern war auch ein beständiger Gast im jüdischen Gotteshaus. Dennoch: Wir mussten die Schleuse passieren, unsere Identität wurde festgestellt und erst dann konnten wir in den Gottesdienstraum hindurchgehen. Es war schon ein besonderes Erlebnis, wie sich die Leser die Rollen mit den heiligen Schriften gegenseitig anreichten und daraus vorlasen. Und es war ein großartiges Gefühl, das eine oder andere Wort wiederzuerkennen. Jesaja ist ja auch für Christen erste Wahl, wenn es um Prophetie geht.

Stark in Erinnerung geblieben ist mir aber der ältere Herr, der zwar Jude war, aber in seiner früheren Heimat keine Erfahrungen mit dem Gottesdienst sammeln konnte. Für ihn war es immer noch ein Erlebnis, in die Synagoge zu gehen. Selbst wenn es unter Polizeischutz geschah. Manchmal denke ich auch an das Ehepaar Stiefel, das unseren Jugendlichen in Wallerfangen im Saarland aus erster Hand über jüdisches Leben in Deutschland erzählte. Das war so humorvoll, so menschlich liebenswürdig. Natürlich war auch von den dunklen Zeiten Deutschlands die Rede, als Menschen, die doch Geschwister im Glauben und Nachbarn waren, verfolgt wurden. Ich erinnere mich, dass die meisten Jugendlichen sehr betroffen waren. Daraufhin sagten unsere beiden Gäste mit voller Überzeugung: "Ihr seid doch nicht schuld daran! Ihr seid doch ganz anders!" Der Abend wurde noch lang - mit guten Gesprächen.

Wir sollten eigene Erfahrungen mit jüdischen Mitbürgern sammeln. Eine ganz direkte Beziehung zu Gott, etwas Humor, wenn es um Glaubens- und Menschheitsfragen geht . Meistens geht es um alltägliche Themen aus Zeitung und Fernsehen. Da merken wir unsere Gemeinsamkeiten. Denn wir wollen schließlich alle Gerechtigkeit und Frieden. Wie einst der Prophet Jesaja.

PFARRER STEPHAN WEIMANN

(RP)