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Ratingen: Geschichte(n) der Mühle

Ratingen : Geschichte(n) der Mühle

Die Getreidemühle trug einst wesentlich zum Reichtum der Stadt bei. Als der Mühlenzwang wegfiel und der Wettbewerb in Schwung kam, gingen die Aufträge zurück. Der Pächter gab auf, die Stadt verkaufte den Betrieb an den Grafen Spee, der mit der Papierproduktion begann.

Zwischen Vermillion- und Hauser Ring steht an der Anger ein Backsteingebäude von beachtlicher Größe: die alte Papiermühle. Die Ziegelfassade des schönen dreigeschossigen mittleren Bauwerks ist in der Art früher Industriebauten mit einem Ziegelrahmen geschmückt. Der First wird durch einen Aufsatz betont. Die schönen Rundbogenfenster und die ursprünglichen Eisengitter blieben erhalten. Aber die wahre Größe des Bauwerks erschließt sich erst aus seiner Geschichte.

Die damals so genannte Angermühle wurde am 13. April 1343 Stadtmühle. Mit Sicherheit hatte sie schon länger bestanden. Ratingen in der Grafschaft Berg war 1276 zur Stadt erhoben worden, hatte Mauern, Tore und einen Stadtgraben und genoss die besondere Unterstützung des Landesherrn. Die Mühle trug wesentlich zum Reichtum der Stadt bei. Die alte Stadtmühle ist heute noch im Innern der Papiermühle erhalten, wie aus der Urkatasterkarte und der Mutterrolle hervorgeht.

Für 2000 Taler verkauft

Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Status der Mühle grundlegend. Die "Communal-Frucht-Mühle" war lange Zeit eine Zwangsmühle gewesen. 1811, nach der Aufhebung des Mahlzwangs, gingen die Aufträge zurück und bald musste der Pächter seine Mühle aufgeben. Zwischen der Königlichen Regierung und der Stadt Ratingen wurde am 6. Oktober 1840 ein Vertrag abgefasst, mit dem die Stadt dem August Graf von Spee die Stadtmühle für 2000 Taler verkaufte. Wahrscheinlich hatte der Pächter seine Getreidemühle schon vor dem Verkauf in eine Papierfabrik umgewandelt. 1849 ernannte Graf von Spee seinen Verwalter Franz Schütte zum Geschäftsführer. Der Antrieb des Wasserrades durch die Anger war für eine Mühle sicherlich eine billige und umweltfreundliche Angelegenheit. Für die Produktion von Papieren in größerem Umfang mussten Dampfmaschinen die Energieversorgung übernehmen. An die ursprüngliche Angermühle, deren Mühlrad sich weiterhin drehte, wurden Gebäude für die Aufnahme von zwei Dampfkesseln angebaut.

Die polizeiliche Konzession zur Errichtung der Dampfmaschinen war aber an die Bedingung geknüpft, dass für den Schornstein eine "Höhe zu 100 Fuß projectirt sey, der gestalt angelegt werden müße, daß solche bei etwa eintretender Belästigung der Nachbarschaft durch Ruß etc. noch weiter erhöht werden Könne." In den Folgejahren beklagten sich die Ratinger Bürger viele Male beim Bürgermeister darüber, "daß der Ruß aus dem Schornsteine der neuen Papierfabrik des Grafen von Spee, welche in unmittelbarer Nähe der Bleiche liegt, über die ganze Bleiche flog und die Wäsche überschüttete." Trotz mehrfacher Ermahnungen des Bürgermeisters änderte sich daran nichts. Das Museum der Stadt Ratingen verwahrt ein Ölbild von Leonhard Rausch. Es zeigt die "Schütte'sche Papiermühle" um 1860. Ein Vergleich des Bildes mit Fotos von heute lässt auch nach 150 Jahren eine frappierende Ähnlichkeit erkennen.

Nach und nach wurde die Fabrik vergrößert. Weitere Dampfmaschinen kamen hinzu. 1870 übernahm Franz Graf von Spee die Schimmersmühle. 1907 verpachtete er die beiden Ratinger Papiermühlen an die Papierfabrik Julius Vorster in Hagen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg beendigte sie die Papierproduktion in Ratingen. 1913 bis heute: 44 Jahre lang produzierte Alois Siebeck hier Armaturen. 1957 bis 2007 nutzte das Autohaus Hubert Giertz die alte Fabrik als Reparaturwerkstatt. Seit Dezember 2007 steht die alte Papiermühle leer.

(RP)