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Portrait: Fast 200 Jahre Lebenserfahrung

Portrait : Fast 200 Jahre Lebenserfahrung

Josefine Leineweber (100) und Gertrud Stengert (99) erzählen, was ihr Rezept fürs Altwerden ist.

Ratingen Josefine Leineweber und Gertrud Stengert sitzen sich am Tisch gegenüber, schauen sich an. Die eine sitzt im Rollstuhl, die andere auf einem Stuhl, ihr Rollator steht neben ihr. Sie wirken gespannt, vielleicht ein wenig aufgeregt. Und das selbst mit zusammen fast 200 Jahren.

Leineweber wird in wenigen Tagen 101 Jahre alt, Stengert im August 100 Jahre alt. Beide wohnen im Altenzentrum „Haus Salem“, das zur Kaiserswerther Diakonie gehört, in Ratingen Ost. Sie sind die ältesten Bewohner der Einrichtung und noch beide fit. Sie sprechen klar, verständlich, nur mit dem Hören ist es nicht mehr so einfach. Auch am Dienstagvormittag versprühen die beiden Damen eine Mischung aus Energie, Wortgewandtheit und Ruhe. Dass die beiden noch so gut in Form sind, „liegt auch wesentlich daran, dass wir nie geraucht und getrunken haben“, sagen die beiden unisono. Das hört man übrigens von vielen Menschen, die sehr alt werden. Gibt es darüber hinaus noch ein anderes Rezept fürs Altwerden? „Auf einmal ist man immer älter“, lacht Stengert.

Je länger man sich mit Josefine Leineweber, Jahrgang 1919, und Gertrud Stengert, Jahrgang 1920, unterhält, umso mehr merkt man, dass der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegsjahre stets präsent sind in ihren Erinnerungen, fast genauso wie ihre Heirat und die Geburt ihrer Kinder.  „Ich war sehr glücklich und unendlich erleichtert, als mein Mann aus dem Krieg gesund nach Hause kam“, erinnert sich Leineweber, die seit 2006 in „Haus Salem“ wohnt. Die Rückkehr des Mannes sei genauso schön gewesen wie die Heirat im November 1941.

Das gilt auch für Stengert, die 1943 den Bund fürs Leben geschlossen hat. „Leider ist mein Mann bereits 1967 gestorben und konnte die neun Kinder (drei Jungen, sechs Mädchen), die wir zusammen hatten, nicht vollends aufwachsen sehen“.

Dennoch blickt Stengert, die bis vor wenigen Jahren im TV Ratingen noch Wassergymnastik ausübte, auf ein glückliches Leben zurück. „Ich habe zwar während des Kriegs in der Buchhaltung gearbeitet, war dann aber mit meinen vielen Kinder so sehr beschäftigt, dass ich zu Hause blieb.“ Verständlich. „Ich habe mich gerne um meine Kinder gekümmert und den Haushalt geschmissen, das hat mir Spaß gemacht. Auch, wenn das andere manchmal nicht immer verstehen“, sagt Stengert, die erst seit einem Vierteljahr in „Haus Salem“ wohnt, da es „zu Hause alleine nicht mehr ging“.

Auf ihren dreistelligen Geburtstag im August freut sie sich jedenfalls „riesig“. Denn da kommt die ganze Familie zusammen. Selbst aus dem fernen Südafrika kommt jemand, sagt die gebürtige Leichlingerin Stengert, die aber seit 1951 in Ratingen lebt, und bricht dann das Thema Geburtstag schnell ab. Es soll ja schließlich eine Überraschung bleiben.

Josefine Leinweber hört gebannt zu, trinkt ab und an einen Schluck Wasser. Sie hat zwei Kinder, sagt sie. „Mein Sohn wohnt in Hannover, meine Tochter im Harz.“ Beide kommen sie noch regelmäßig besuchen. „Dann gehen wir spazieren.“ Die Lintorferin Leineweber, die an der Bechemer Straße geboren wurde und viele Jahre in dem Friseursalon ihrer Mutter gearbeitet hat später auch einmal in einem Porzellangeschäft tätig war, mag Spaziergänge an der frischen Luft – und Messebesuche. „Und Lesen mag ich auch.“ Da pflichtet ihr Stengert sofort bei. „Ich lese auch gerne, vor allem die Zeitung.“

Als die Sprache auf die heutige Zeit mit den modernen Technologien kam, winken die beiden ab. Stengert: „Ich weiß zwar, was ein Handy ist, aber darum sollen sich die Jüngeren kümmern, sage ich immer zu meinen Kindern.“ Leineweber nickt zustimmend.

Dann müssen die beiden alten Damen wieder los. Es gibt Mittagessen.