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Projekte: Erst Literatur, nun der Dokumentarfilm

Projekte : Erst Literatur, nun der Dokumentarfilm

Neben der intensiven Arbeit des Literaturkreises ERA kam er auch zum Filmen. Es steht ein weiteres Projekt an.

Warum haben Sie erst im zarten Alter von 78 Jahren den Dokumentarfilm für sich entdeckt?

Ulrich Scharfenorth Wie das so ist: Man nimmt irgendwann die Kamera, bei mir war es vor 45 Jahren eine ostdeutsche Pentaka-Schmalfilmkamera, in die Hand und filmt los. Während man berufstätig ist, passiert da nicht viel. Man hat einfach nicht die Zeit. Nach 2004 änderte sich das. Plötzlich begann ich, die Arbeit des Literaturkreises ERA, vor allem aber die KULTURkneipe – eine von meiner Frau und mir ins Leben gerufene Initiative – filmtechnisch zu begleiten. Daraus wuchs dann 2019 das sehr viel anspruchsvollere Format.

Wie entstand ihr aktueller Film „Paris belle époque – eine Spurensuche“?

Scharfenorth Mein Freund und ich – wir interessieren uns seit Langem für historische Stoffe. Es waren vor allem die im Pressetext angeführten Bücher, die uns immer neugieriger machten. Irgendwann war der Gedanke da, etwas Eigenes zu produzieren. Wir zogen los, ich fotografierte und filmte, was das Zeug hielt. 60 bis 70 Prozent der Ausgangsmaterials wurden dann zum Film.

Die Welt gerät aus den Fugen: Was damals, vor einhundert Jahren zweifellos richtig ist, sehen viele Betrachter der heutigen Zeit auch gegenwärtig. Wo liegen Parallelen und wo Differenzen der beiden Betrachtungszeiträume?

Scharfenorth Heute gerät die Welt deshalb aus den Fugen, weil der Kapitalismus seine eigene Existenzgrundlage zu zerstören beginnt. Zügelloses Wachstum, Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung bestimmen das Geschehen – die Karre läuft geradewegs an die Wand. Die Mär, dass aufkommende Nöte durch neue Technik/Technologie aufgelöst werden könnten, wird in die Köpfe gepflanzt und schürt Sorglosigkeit. Heute wird oft Party gemacht, weil man – ähnlich wie damals – vergessen, einfach Spaß haben will, weil man glaubt, die Komplexität unserer Welt nicht mehr durchschauen zu können, weil man sich durch Politik und Medien belogen fühlt, weil man glaubt, dass sich die Dinge verselbständigen und vom Bürger nicht mehr zu beeinflussen sind.
Man schuftet im Job und lässt laufen, hofft, dass alles mindestens so bleibt, wie es ist, lässt Migranten, Populisten und Regierende gegeneinander anrennen und „chillt“ genüsslich. Das politische Engagement ist ähnlich untergepflügt wie in den 1920er-Jahren.

Was fasziniert Sie an den 1920er-Jahren so sehr, dass Sie einen Dokumentarfilm darüber gedreht haben?

Scharfenorth Die Kreativität und Zügellosigkeit: Beides trug dazu bei, dass Bedeutendes in Literatur, Bildender Kunst und Musik entstanden ist. Ich liebe Impressionismus und Expressionismus, die Lieder der „Comedian Harmonists“ und die Literatur der 30er- und 40er-Jahre – all das hatte seinen Ursprung in dieser Zeit.

Berlin war ebenso wie Paris kulturelle Hauptstadt in den 1920er-Jahren. Wieso nicht einen Film über das damalige Berlin machen?

Scharfenorth Auch sehr interessant, aber ich kann mit Babylon Berlin nicht gleichziehen.

Was wollen Sie mit Ihrer Dokumentation konkret zeigen?

Scharfenorth  Ich will zeigen, dass damals Maßgebliches diskutiert, eruiert und geboren wurde. Ich möchte auf das sehr unterschiedliche Schicksal der Künstler verweisen – auch auf die Internationalität des Geschehens. Auch möchte ich daran erinnern, wie wichtig es ist, das Geschichtsbewusstsein zu pflegen, sprich: die Vergangenheit nicht einfach wegzuwerfen, sondern als Generator für Heutiges und Zukünftiges zu empfinden. Nicht ist gefährlicher, als sich vom Konsumismus der Postmoderne zurollen zu lassen.

 Zur Recherche waren Sie vor allem im Mai 2019 in Paris. Wie haben Sie die Metropole an der Seine wahrgenommen im Zeichen zunehmender sozialer und gesellschaftlicher Konflikte, der „Gelbwesten“ und der damals schon angekündigten umstrittenen Rentenreform?

Scharfenorth Ich habe Straßensperrungen erlebt und einen Block Gelbwesten aus der Ferne gesehen. Paris war in der betreffenden Woche eher ruhig.

 Wie haben Sie eigentlich Ihren Film finanziert?

Scharfenorth Was für den Film notwendig war, habe ich aus eigener Tasche finanziert. Das hielt sich, weil ich – bis auf die Audio-Arbeiten – alles allein machte, in Grenzen. Man muss dann mal auf Weltreisen verzichten.

Was planen Sie als nächstes?

Scharfenorth Meine Frau und ich – wir arbeiten derzeit an einem weiteren Film. Er betrifft unser Haus, von dem wir wissen, dass es so – als „Kunstmuseum und Dichterklause“ – irgendwann nicht mehr bestehen wird. Wir schreiben eine Geschichte, die wir in Sprechtexte und Interviews umsetzen. Eine befreundete Filmemacherin wird die Passagen unterstützen, die ich selbst nicht filmen kann.