Sonia Cohen: Einfache Rituale erleichtern den Alltag

Sonia Cohen : Einfache Rituale erleichtern den Alltag

Die Realschulleiterin und ihr Team haben inzwischen viel Erfahrung mit der Zuwandererklasse gesammelt. Das Projekt wird von allen weiterführenden Schulen in Heiligenhaus getragen. Ehrenamtliche Helfer sind auch in diesem Schuljahr gefragt.

Welchen Stellenwert hat ehrenamtliche Arbeit für den Schulalltag der Zuwandererkinder?

Realschulleiterin Sonia Cohen. Foto: Blazy Achim

Cohen Wir sind sehr glücklich über die tolle Unterstützung, das ermutigt uns bei der Arbeit. Die Unterrichtszeit an der Schule ist leider begrenzt auf 20 Wochenstunden, da wir nicht mehr Lehrerstunden zur Verfügung haben, das sind nur vier Unterrichtsstunden pro Tag. Da sind wir sehr froh über die Hilfe durch Ehrenamtler. Sie arbeiten mit einem oder zwei oder drei Jugendlichen. Dies ist viel intensiver und ertragreicher als in der Großgruppe mit über 20 Schülern. Durch das regelmäßige Treffen entstehen auch Kontakte, in denen die Ehrenamtler den Jugendlichen unsere Gesellschaft und Kultur erklären, Hilfestellung beim Besorgen der Schulmaterialien geben oder die Verwaltungsabläufe der Behörden erklären. Der älteste Mitarbeiter ist 83 Jahre alt.

Wie werden Sprachbarrieren überwunden, wenn zwölf neue Schüler nächste Woche an der Realschule ankommen und (noch) kein Deutsch sprechen?

COHEN Da haben wir mittlerweile schon einige Erfahrungen gesammelt. Man kann ja auch mit Gesten und Geräuschen kommunizieren. Es beginnt mit einfachen Wörtern, kleinen Sätzen und kurzen Liedern, die dann nach und nach erweitert werden. Auch Rituale wie die Begrüßung, das Bereitstellen des Arbeitsmaterials oder der Wechsel der Fächer helfen den Schülern dabei, sich in die Schule einzuleben und gute Lernerfahrungen zu machen. Eine große Hilfe sind Jugendliche aus dem gleichen Herkunftsland, die häufig sehr geduldig übersetzen und unterstützen.

Wie bringt man ehrenamtliche Mitarbeiter und Lehrer stundenplantechnisch unter einen Hut?

Cohen Wir bitten die Ehrenamtler, immer am Donnerstag in der Zeit von 9.50 bis 11.30 Uhr zu kommen. Dann werden möglichst viele Kleingruppen gebildet. Wenn jemand nur zu einem anderen Termin kann, machen wir auch dies möglich. Von Zeit zu Zeit gibt es gemeinsame Treffen aller Mitarbeiter am Nachmittag, um auszutauschen.

Die Anforderungen an die Mitarbeiter beschreiben Sie selbst so: "Die wichtigste Voraussetzung hierzu ist ein aufgeschlossenes Verhältnis zu jugendlichen Zuwanderern und Ihren besonderen Bedürfnissen." Was heißt das konkret?

Cohen Immer wieder wird uns die Frage gestellt: "Welche Qualifikation brauche ich, um zu unterrichten?" - und da möchte ich einfach Mut machen, sich zu trauen. Wer Deutsch als Muttersprache hat oder fließend spricht, braucht nicht unbedingt ein Examen oder ein Zertifikat, um erfolgreich bei der Integration zu helfen. Geeignet ist, wer Jugendlichen etwas vermitteln und mitgeben kann - dazu gehören neben den Sprachkenntnissen auch Werte, die automatisch durch die Vorbildfunktion weitergegeben werden. Es waren junge Syrer ganz entsetzt, dass sich ein Junge und ein Mädchen in der Pause auf dem Schulhof geküsst haben. Sie konnten kaum glauben, dass dies erlaubt ist. Hier ist es gut, wenn solche Themen auch in Ruhe mit Vertrauenspersonen besprochen werden können. Auch ganz banale Dinge wie das Führen eines Hausaufgabenheftes oder Techniken wie Schraffieren, Ausschneiden oder Unterstreichen müssen teilweise trainiert werden. Hier bekommen die Ehrenamtler entweder konkrete Aufgaben oder Anregungen von den Regellehrern. Sie müssen keine Noten erteilen und keine Großgruppe in Schach halten und werden so leichter zu Partnern der Schüler.

Wie funktionierte das im vergangenen Schuljahr?

Cohen Bei einigen Jugendlichen konnten wir unglaubliche Erfolge sehen, so dass sie bereits nach einem halben Jahr so weit waren, dass sie in die Regelklasse wechseln konnten. Hier ist es günstig, wenn die Schülerinnen und Schüler noch jung sind, denn in den unteren Klassenstufen findet man leichter den Anschluss an den Stoff.

Die Hälfte der Zuwandererkinder in der besonderen Klasse kann mit den Mitschülern im Regelunterricht mithalten, so Ihre Erfahrung. Was ist mit den übrigen?

COHEN So wie bei den Schülern aus Heiligenhaus gibt es große Unterschiede hinsichtlich des Leistungswillens, des Leistungsvermögens und der Unterstützung durch die Familie. Es gibt Schüler, die völlig zufrieden damit sind, in einem warmen Zimmer zu sitzen und genügend zum Essen zu haben, dies ist eine bedeutsame Verbesserung im Vergleich zu ihrem früheren Leben. Die werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bei uns keinen Abschluss erreichen, sondern dann im entsprechenden Alter zu einem Berufskolleg wechseln oder ein Praktikum absolvieren. Wenn wir denen aber mitgeben können, dass jeder Mensch den gleichen Wert hat und dass es sich lohnt, sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten, haben wir für sie und für das Zusammenleben in Heiligenhaus vielleicht auch etwas Wertvolles erreicht.

(RP)