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Analyse: Eine Schulform splittet sich auf

Analyse : Eine Schulform splittet sich auf

Realschulen finden sich derzeit in wenig beneidenswerter Lage wieder. Die Stichworte Inklusion, Seiteneinsteiger und Hauptschul-Zweig bestimmen ihre Agenda. Das Problem: Der Wandel wirkt unstrukturiert.

Die Schulen selbst können nichts dafür.

Es ist noch gar nicht so lange her, einige Jahre nur, da bangte die Heiligenhauser Realschule um ihren Bestand - es gab mit Mal zu wenige Anmeldungen. Davon ist am Nordring längst keine Rede mehr. Gähnende Leere droht dort nicht.

Zu diesem unbestreitbaren Erfolg haben Ideen von vor Ort beigetragen - so zum Beispiel die Kooperation mit dem Kant-Gymnasium. Sie griff eine klassische Ausrichtung wieder auf: Die Durchlässigkeit zwischen den beiden Schulformen sollte so groß wie möglich sein. Heißt: Realschüler mit sehr guten Abschlüssen bekommen sicher einen Platz in der gymnasialen Oberstufe. Und umgekehrt kümmert sich die Realschule um Schulformwechsler vom Gymnasium.

Ein zweiter Punkt: Die Heiligenhauser Realschule macht sich stark für Inklusion - auch dieser Anspruch wird inzwischen erfüllt.

An einem dritten Punkt wird es aktuell richtig schwierig: Was ist mit sogenannten "Seiteneinsteigern"? Bisher erfolgt die Beschulung von Zuwanderer-Kindern komplett an der Heiligenhauser Realschule. Unterstützt wird die Realschule dabei durch Lehrer der Gesamtschule sowie des Immanuel-Kant-Gymnasiums. Gestiegene Schülerzahlen sind nun aber der Grund, dass die Realschule am Nordring an ihre räumlichen Kapazitätsgrenzen kommt.

Zu Anfang des Jahres 2018 befanden sich 55 Schüler in der Erstförderung. Die Verwaltung reagierte mit der Einrichtung von Seiteneinsteigerklassen am Immanuel-Kant-Gymnasium.

Die drei Beispiele zeigen eines ganz klar: Die Schulform Realschule steckt in einem tiefgreifenden Wandel. Man kann es aber auch anders gewichten. Dann hieße es: Die Realschule muss für alles herhalten, jede sich plötzlich ergebende Notwendigkeit irgendwie einbauen und das Ganze zu einem sinnvollen Schulalltag zusammenzufügen, der in einer immer ausdifferenzierteren Schülerschar irgendwie jedem gerecht werden soll. Kein Wunder, dass das Ärger gibt. So derzeit an der Ratinger Friedrich-Ebert-Realschule. Hier wehren sich die Eltern vehement dagegen, in der Schule einen Hauptschulzweig einzurichten. So sieht es aber der neue Schulentwicklungsplan vor.

Die Befürchtung ist, dass "Schüler mit unterschiedlichem Leistungsniveau, Lehrplänen und Lehrmaterialien in einem Klassenverbund unterrichtet werden. Dieses Modell mit der sogenannten inneren und äußeren Differenzierung wird keinem Kind gerecht und überfordert die Lehrer." Rein rechtlich scheint das Ganze kein großes Problem zu sein. Denn von dieser sehr anderen Warte geht es schlicht darum, "Schullaufbahnen" zu sichern. Und wenn es am Ort keine Hauptschule mehr gibt, wohl aber Schüler mit Hauptschulempfehlung, dann hat der Schulträger eben ein Problem.

Fragt sich nur, ob es auf Kosten Dritter gelöst werden kann. Mit einer kleinen Stellschrauben-Drehung soll das Problem nun landesweit angegangen werden. "Bisher standen Lehrer und Eltern einer solchen Lösung oftmals kritisch gegenüber, da laut einer Verordnung der alten Landesregierung, die Schüler der regulären Realschule mindestens zu zwei Dritteln mit den Schülern des Hauptschulbildungsgangs gemeinsam unterrichtet werden mussten", teilte die CDU-Landtagsabgeordnete Claudia Schlottmann unlängst mit.

"Diese Verordnung hatte praktisch zur Folge, dass viele verschiedene Bildungsniveaus in einer Klasse aufeinandertrafen und Lehrer oftmals vor kaum zu lösende Herausforderungen gestellt worden sind." Hier wolle man nun neu ansetzen. Und " ermöglichen, dass ein Hauptschulzweig auch komplett von den Realschulklassen getrennt werden kann. Wir möchten den Lehrern wieder die Möglichkeit geben, das Lernniveau für alle Schülerinnen und Schüler entsprechend der individuellen Bedarfe anzupassen".

Kurzum: Es gäbe zwei Schulen unter einem Dach und unter einer Leitung. Man darf gespannt bleiben, wie die Realschulleitungen in Ratingen und Heiligenhaus das gegebenenfalls umsetzen. An mangelndem guten Willen wird es zuallerletzt scheitern.

(RP)