Ratingen: Eine ganze Woche lang ohne Handy und Co.

Ratingen : Eine ganze Woche lang ohne Handy und Co.

Eine Lintorfer Familie machte den Selbsttest und schaltete für sieben Tage Smartphone, Tablet und PC aus - und kam zurecht.

"Ich möchte mal wieder richtig ausgiebig lesen", verkündete die fünfzehnjährige Tochter und schaltete Sonntagabend ihr Smartphone aus. Ihre knapp drei Jahre jüngere Schwester und ihre Mutter wollten dem nicht nachstehen. Und so wurde die Idee eines einwöchigen Smartphone-Verzichts geboren und wurde gleich auf Tablet und PC ausgeweitet. Familie und Freunde wurden informiert, dann verschwanden alle Geräte im Schrank. Ein Selbsttest.

An den folgenden sieben Tagen wurde den Dreien in vielen Momenten bewusst, wie oft sie doch zu einem der Geräte greifen. Nach dem Frühstück gab es keine Zeitung zu lesen, denn die App für die elektronische Version der Tageszeitung befindet sich im Wohnzimmerschrank auf dem Tablet. Also gibt es Lokal- Weltnachrichten aus Radio und Fernsehen. In der Schule war es für die Mädels gewohnheitsbedürftig, in der Pause nicht wie alle anderen das Handy zu zücken, um den neusten Song vorzuspielen oder lustige Fotos zu zeigen. Aber die Pausen gingen vorbei, ohne auf Bildschirme zu starren oder zu tippen, und zwar mit richtigen Gesprächen.

Auch kam die Frage auf, wie sie zu Hause Bescheid sagen, dass sie nach der Schule ungeplant früher oder später nach Hause kommen. Auch hier gab es Lösungen. Notfälle können über das Schulsekretariat abgewickelt werden, ansonsten befindet sich eine Telefonzelle in der Nähe der Schule, die man nach dem Unterricht aufsuchen kann. Mit der Zeit fiel es immer leichter, nicht ständig zu einem der "verbotenen Geräte" zu greifen. Obwohl die Versuchung groß war, konnten plötzlich per Telefon Verabredungen getroffen und Hausaufgaben geklärt werden. Noch nicht gelesene Schmöker aus dem Bücherregal und Brettspiele aus dem Schrank kamen zum Zuge, statt der E-Books und Spiele auf dem Tablet. Auch beim Einkaufen blieb das Handy zu Hause. Stattdessen lag ein Einkaufszettel aus Papier in der Tasche. Er erwies sich tatsächlich als gar nicht mal so unpraktisch. Es musste nicht laufend über den Bildschirm "gewischt" werden, weil sich das Display ausgeschaltet hat. Allerdings konnte man nicht mal eben zu Hause anrufen und nachfragen, ob noch genügend Eier oder Kartoffeln da sind. Zwischendurch juckte es schon allen in den Fingern, doch mal eben zum Smartphone zu greifen und zu schauen, was es Neues "im Netz" gibt oder ob E-Mails eingegangen sind. Schließlich war man ja schon "so lange" offline. Sie blieben eisern, die Geräte blieben aus.

Obwohl es mit der Zeit leichter wurde, musste dann doch der Computer aus schulischen Gründen einmal angeschaltet werden. Die Schulbücher und das Lexikon aus dem Jahre 1986 im Wohnzimmerregal gaben dann doch nicht genug Informationen für ein Referat über Udo Lindenberg her und die Bücherei hatte auch schon geschlossen. Der blinkende Briefumschlag des E-Mail-Programmes wurde dabei allerdings ignoriert. Als ein Bekannter auf dem Handy angerufen werden musste, wurden sie noch einmal schwach. Denn natürlich gab es kein Adressbuch in Papierform. War das jetzt ein Notfall, der ein Anschalten des Handys rechtfertigte, um die nur dort gespeicherte Nummer heraus zu suchen? Man entschied sich für ja.

Sonntag ging der von Familie und Freunden teilweise belächelte, von einigen aber auch bewunderte Versuch zu Ende. Alle drei Probanden waren schlussendlich froh, die Geräte wieder anzuschalten. Rund 900 Nachrichten und Mitteilungen waren im Laufe der Woche für alle zusammen auf den unterschiedlichsten Wegen eingetroffen, von denen gut 95 Prozent sofort im Papierkorb gelandet sind, weil es sich um unnötige Werbemails, nicht wirklich interessante Statusmeldungen oder eigentlich nichtssagendes Geschwafel handelte.

(mvk)
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