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Drei neue Stolpersteine in Ratingen

Erinnern in Ratingen : Lions sind Paten für drei Stolpersteine

Zweieinhalb Jahre lang hat sich der Lions Club Ratingen mit der Geschichte dreier Ratinger Bürger auseinandergesetzt. Seit gestern erinnern Stolpersteine an ihr Schicksal. Zum ersten Mal wird nicht jüdischer Opfer gedacht.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Diesen Satz aus dem Talmud hat sich der Kölner Künstler für sein Projekt Stolpersteine zu eigen gemacht, im Pflaster verlegte Gedenktafeln, mit denen er an Menschen erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Zwölf dieser Stolpersteine wurden in Ratingen bislang verlegt. Seit gestern sind es drei mehr. 

„Zweieinhalb Jahre haben wir uns mit dem Projekt beschäftigt“, so Jens Thomas, Mitglied im Vorstand der Ratinger Lions. Den Anstoß gab eine Rede Richard von Weizsäckers im Mai 1985, die er in Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs hielt. Darin rückte der damalige Bundespräsident Opfergruppen ins Bewusstsein, die bis dahin im offiziellen Gedenken kaum Berücksichtigung fanden. Daran wollten die Lions anknüpfen und übernahmen die Patenschaft für drei Stolpersteine, mit denen zum ersten Mal nicht an Ratinger Mitbürger jüdischen Glaubens erinnert wird.

  • Eine besondere Ehrung wurde den Mitgliedern
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  • Katharina Nühlen mit ihrem Sohn Hermann.
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  • Jürgen Lindemann, Frank Schulte, Klaus Pesch,
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Bei der Recherche unterstützt wurden die Lions von Erik Kleine Vennekate, der 30 Jahre lang im Ratinger Stadtarchiv wirkte und seinem früheren Auszubildenden Heiko Knappstein, der heute das Archiv führt. Historiker Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, forschte auf den Spuren eines Lintorfers.

 An jedem der drei Stolpersteine wurden weiße Rosen als Symbol für den Widerstand niedergelegt.
An jedem der drei Stolpersteine wurden weiße Rosen als Symbol für den Widerstand niedergelegt. Foto: Fries, Stefan (frs)/Fries

Eingelassen in das Pflaster vor dem Haus Marktplatz 17 wurde gestern eine Messingtafel mit den Lebensdaten von Theodor Ropertz. Der Fabrikarbeiter wurde am 22. Juli 1898 in Ratingen geboren. Verhaftet wurde Ropertz am 22. November 1938. „Widernatürliche Unzucht unter Männern“ wurde ihm zur Last gelegt. Mehr als fünf Jahre verbrachte Ropertz mit der Diagnose „Schwachsinn mittleren Grades“ in einer „Heil- und Pflegeanstalt“, wurde einer oprativen „Entmannung“ unterzogen und schließlich im Januar 1944 ins KZ Buchenwald gebracht, wo er nur wenige Wochen später starb.

Nur wenige Meter weiter, in der Oberstraße 22 (damals noch Adolf-Hitler-Straße), lebte Heinrich Röder. Geboren am 8. Januar 1899 in Werden. Röder war Mitglied der KPD Unterbezirksleitung Essen, Leiter des Kampfbundes gegen den Faschismus und Vorsitzender der Revolutionären Gewerkschaftsopposition im Raum Ratingen. Bei seiner Verhaftung wurden ihm Kurierdienste für die KPD vorgeworfen. Am 29. März 1935 fand man Röder erhängt in seiner Zelle im Düsseldorfer Polizeipräsidium. Dass es kein Suizid war, konnte erst nach dem Krieg aufgeklärt werden. Im November 1963 bestätigte der Polizeipräsident den Mord.

 Vadym Fridmann vom Jüdischen Kulturverein in Ratingen legt am Stolperstein für Theodor Ropertz, Marktplatz 17, eine weiße Rose nieder. Im Hintergrund Vertreter des Lions Clubs, links Bürgermeister Klaus Pesch.
Vadym Fridmann vom Jüdischen Kulturverein in Ratingen legt am Stolperstein für Theodor Ropertz, Marktplatz 17, eine weiße Rose nieder. Im Hintergrund Vertreter des Lions Clubs, links Bürgermeister Klaus Pesch. Foto: Fries, Stefan (frs)/Fries

Otto Amuel kam am 12. Februar 1897 in Lintorf zur Welt. Er war von Geburt an taub. Der gelernte Schuster versuchte sich mit Bagatelldiebstählen über Wasser zu halten und wurde so aktenkundig. „Die Akten geben ein klares Bild der Persönlichkeit des Angeklagten“, urteilte die Justiz. „Sie lassen insbesondere mit Deutlichkeit erkennen, dass er Freude am Müßiggang und Herumvagabundieren hat.“ Amuel wurde in unterschiedlichen Haftanstalten inhaftiert, bevor er am 8. Mai 1943 ins KZ Buchenwald gebracht wurde. Dort starb er nur 14 Tage später, angeblich an Grippe.

„Der Versuch, diese drei Opfergruppen – Homosexuelle, politische Gegner und Kleinkriminelle – auszurotten, ist geradezu typisch für alle radikalen, extremistischen Regime“, stellt Bürgermeister Klaus Konrad Pesch fest. Die Unmenschlichkeit der Konzentrationslager sei für Menschen mit „normalen Denkstrukturen“ kaum zu ermessen, so Pesch. Er sei deshalb froh, dass diese wertvolle Erinnerungskultur in Ratingen einen solch hohen Stellenwert hat. „Schweigen reicht nicht“, so Pesch.