Ratingen: Die Kirchenschätze sind jetzt umgezogen

Ratingen: Die Kirchenschätze sind jetzt umgezogen

Wer liebevoll Sachen hortet und harsch zum Ausmisten aufgefordert wird, weiß um die Pein beim Wegwerfen. Zu schön sind die gesammelten Schätze, zu bewegend die Erinnerungen. Das ist beim heimischen Schreibtisch nicht anders als in einem veritablen Archiv.

Der Weg war nicht weit, aber letztlich war es ein Riesenaufwand: 20 Stahlschränke wurden auf einer Rampe aus dem bisherigen Standort geholt, dazu mehrere Bücherregale, ein Schreibtisch, zwei Sortiertische. Der Inhalt der Stahlschränke und Bücherregale wurde für kurze Zeit in 198 Umzugskartons versenkt. Außerdem gab es Gegenstände, die einfach in die neuen Räumlichkeiten hinüber getragen wurden: Bilder, Figuren, ein Tabernakel und anderes.

"Das Schöne an den neuen Archivräumen ist", so Hans Müskens, "dass einiges jetzt direkt sichtbar ist: An den Wänden hängen eine alte Fahne, Entwürfe von alten und neuen Kirchenfenstern, Portraits von Pastören, die früher in Peter und Paul tätig waren, Urkunden von Grundsteinlegungen, Kommunion, Andenken, alte Bilder der Pfarrkirche und manches andere".

Dennoch geht es primär nicht ums schönere Wohnen, sondern ums schonende Aufbewahren. Als der Kirchenarchivar vor Jahren von Pastor Benedikt Bünnagel gebeten worden war, sich um das papierne Gedächtnis der Pfarre zu kümmern - da lag noch alles in Kellerräumen (wie in mancher anderen Pfarren auch). Nun sind die Pfarreien verpflichtet, Kirchenbücher zu führen mit Geburten, Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen.

Diese Kirchenbücher bewahren die Namen der Menschen, die einmal hier gelebt haben - lange bevor es Standesämter gab. Hinzu kommen Urkunden unterschiedlichster Art, Akten zu verschiedensten Themen oder Baumaßnahmen. Manches findet sich im Archiv, was sonst längst vergessen worden wäre: Vereinsakten, alte Fahnen, Messbücher, Totenzettel und mehr. Auf dem Boden im Keller lag damals ein riesiger Berg alter Akten. Die hatten Archivexperten aus Köln bereits zum Vernichten aussortiert. Müskens griff den erstbesten Ordner aus dem "Abfall" und fand darin seitenlange Listen mit Namen von Flüchtlingen, die nach dem Zweiten Weltkrieg hierher verschlagen worden waren. Er fand Rechnungen, die davon berichten, dass die Gemeinde in der Spinnerei Cromford Nesselstoff gekauft hatte, um den Menschen zu helfen, Bettwäsche zu nähen. "Ein außenstehender Archivar sieht die Dinge eben anders als einer, der vor Ort wohnt".

Schon auf dem verbesserten Lagerplatz über dem Pfarrbüro konnte Müskens weitgehend Ordnung in die Schätze bringen. Eine unentbehrliche Hilfe ist dabei das "Findbuch", das es seit 1983 gibt. Es ist in mehrere Kapitel unterteilt und beschreibt in Kurzform fortlaufend nummeriert die einzelnen Archivalien. Hinzu kommt als weiteres Suchmittel ein detailliertes Schlagwortverzeichnis.

Zum textilen Archiv-Bereich gehören die vielen Messgewänder, von denen die meisten in entsprechenden Kartons in der Sakristei aufgehoben werden. Es sind inzwischen immer Behältnisse, die speziell fürs Horten historisch wertvoller Gegenstände genutzt werden. Wer nun - am besten kleingruppenweise - Einblick in die bewahrten Schätze bekommt, erfreut sich generell an der "Wunderkiste", einer Sammlung von Fundsachen aus der Kirche. Da gibt es längst verflossene Währungen, auch altes Silbergeld, Medaillen, Rosenkränze, Eheringe. Bei manchem Teil fragt man sich allerdings, wie es in die Kirche gekommen ist - wie etwa bei dem zerbrochenen silbernen Teesieb.

Als Rainer Maria Kardinal Woelki noch Weihbischof war, hat er bei einer Visitation in Ratingen äußerst lobende Worte für den Zustand des Archivs gefunden. Gleiches war vom stellvertretenden Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Dr. Joachim Oepen, zu hören.

Das Archiv nimmt gerne Omas altes Gesangbuch entgegen - vor allem, wenn sich darin noch Totenzettel oder ähnliches finden. Und es gibt auch alte und sicher wertvolle Mess- und andere Bücher, die eine gute Restaurierung verdient hätten. Der Spendenfreude sind keine Grenzen gesetzt.

(RP)