Die Hochzeit der Ratinger Lichtspielhäuser

Ratingen : Die goldene Zeit der Lichtspielhäuser

Das erste Kino gab’s in Ratingen im Jahr 1912. In Lintorf wurden ab 1950 Filme gezeigt.

Die so genannten Programmkinos sind eigentlich immer klein und haben selten von Popcorn verpappte Teppiche. Sie entstanden allerdings erst, als die beliebten Lichtspielhäuser gestorben und die Programme im Fernsehen fragwürdig und von viel Werbung durchsetzt wurden. Und so reicht die Kinogeschichte in Ratingen weit zurück und war ein halbes Jahrhundert ungebrochen; denn schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es in Ratingen ein Kino gegeben, das der Familie Höhndorf gehörte und „Lichtspiel-Haus“ hieß.

Das Lichtspielhaus Höhndorf (ganz links) wurde 1912 eröffnet. Später wurde daraus das Capitol. Foto: RP/Stadtarchiv

Wie damals üblich, wurde die Eröffnung 1912 mit einem bunten Filmprogramm begleitet: Unter den acht Streifen theatralischer Art liefen mit Titeln wie: „Der rote Adler. Im Rahmen gehaltenes sehr gespanntes Drama“, oder „Der Geheimvertrag. Politische Tragödie in zwei Akten“. Später wurde es in „Capitol“ umbenannt, es kamen ab 1930 Tonfilme zur Aufführung und das Kino bot nach einer allgemeinen Modernisierung 540 Plätze.

Das „Metropol“-Kino im Karneval. Die Jecken feierten ausgelassen auf dem Dach. Foto: RP/lintorfer heimatfreunde

Anlässlich der Eröffnung des „Metropol“ hatte es 1950 in der Rheinischen Post geheißen: „In dieser Woche wird das neue Kino eröffnet, ein Theater für Film und Bühne, das auf dem Gelände des früheren Strucksbergschen Saales erbaut und modern eingerichtet worden ist.“ Damals gastierten dort tatsächlich vor ausverkauftem Haus mit rund 800 Plätzen auch Stars von Film und Rundfunk – wie Marika Rökk, Heinz Erhardt, Bibi Johns, Peter Frankenfeld, René Carol und der Kinderstar Conny Froboess. Auch kirchlich-gesellschaftliche Festveranstaltungen, daneben die Prinzenkürung und richtig festliche Abendgesellschaften gingen über die Metropol-Bühne.

1,20 Mark kostete der Eintritts ins Capitol-Theater für einen Sitz im zweiten Parkett. Foto: RP/Stadtarchiv

Die Ausstattung war nobel und überwiegend rot; die Sitze mit Cord bezogen, am Eingang Messingtüren und im Foyer nicht nur Kronleuchter von 1,50 Meter Durchmesser, die mühselig poliert werden mussten, sondern auch ein Springbrunnen, in dessen Becken Goldfische schwammen. Weihnachten gab es  einen geschmückten Christbaum auf der Bühne. Das „Metropol“ bot das gediegenste Programm. Es war auch das größte der drei Ratinger Lichtspielhäuser und verfügte damals schon über eine großzügige Ausgestaltung sowie eine ordentliche Vorführungstechnik.

Die Bomben haben das Nachbarhaus des Capitols an der Oberstraße getroffen und auch Schäden am Haus selbst verursacht. Foto: RP/Stadtarchiv

Die Familie Rosslenbroich, die das „Metropol“ zu einem wahren Schmuckkästchen ausstaffiert hatte, betrieb bereits in Mettmann eine Filmbühne, auf der künstlerische Darbietungen neben den eigentlichen Filmvorführungen stattfanden. Und so wurden die Streifen aus Mettmann auch in Ratingen angeboten. Besonders abenteuerlich wurde es, wenn, wie üblich, von einem Film nur eine Kopie vorhanden war und die jeweils erste Rolle eines Films zum anderen Kino nach Mettmann gebracht und eine entsprechende von dort geholt werden musste. Geschlossene Bahnschranken am Ostbahnhof konnten den ausgefuchsten Zeitplan zum Schlingern bringen.

Schauburg an der Lintorfer Straße um 1933. Foto: RP/Stadtarchiv

In der Nachbarschaft, im Amt Angerland, öffneten die „Lintorfer Lichtspiele“ im Jahr 1950 und bestand für 20 Jahre. Die „Quecke“ erinnert sich: „Ein Anlass, fuchsteufelswild zu werden und wie ein Rohrspatz zu schimpfen, war die ‚Freiwillige Filmkontrolle’“. Eine Institution, die der katholischen Kirche nahestand. Sie hatte sich die Beurteilung von Spielfilmen für katholische Kinobesucher zur Aufgabe gemacht. In einem kirchlichen Schaukasten wurden Filme besprochen. Selbst Streifen wie „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann fanden hier keine Gnade.

Ein Blick in das Innere des Metropoltheaters Ratingen. Foto: RP/Stadtarchiv

Zehn Jahre nach Immenhof, nach „Das Mädchen Rosemarie“, „Psycho“ und „Spartacus“ in „Metropol“ und „Capitol“ blieben die Zuschauer im Pantoffelkino zu Hause. 1963 fielen die samtenen Vorhänge in den beiden Kinos an der Oberstraße zum letzten Male. In der „Schauburg“ allerdings ritten die Cowboys noch drei Jahre länger.

(l.)Helga und Herrmann Middendorf vor dem ehemaligen Kino an der Duisburger Straße in Lintorf. (r.)Die Schauburg an der Lintorfer Straße vermutlich im Jahr 1933. Foto: RP/Lintorfer Heimatfreunde

Ratingen blieb ein Jahrzehnt ohne Kino, bis sich die Rosslenbroich-Töchter ein Herz fassten und mit zwei kleinen Kinos ins Minoritenkloster zogen.

Mehr von RP ONLINE