Ratingen: Die Bahn war der ganze Stolz der Bürger

Ratingen: Die Bahn war der ganze Stolz der Bürger

Die Geschichte der Bahnen reicht in Ratingen weit zurück. Für die Industrialisierung waren neue Zugstrecken nötig.

Die Diskussion über eine Seilbahn zwischen Fernbahnhof und Ratingen Mitte lädt ein, mal in die Vergangenheit zu blicken: Wie war das eigentlich, als Eisenbahn und Straßenbahn lange vor dem Automobil Verkehrsmittel für jedermann waren?

Am Anfang war die Kohle: Sie befeuerte die Industrialisierung und die Kohlenzüge der Ruhrtalbahn von Rath über Essen bis nach Warburg. Eröffnet wurde die Strecke bis Essen im Jahre 1872. Ratingen bekam Bahnhöfe in Ost und in Hösel - damals noch mit Rangier- und Abstellgleisen für den Güterverkehr. Diese Flächen sind heute Parkplätze. 1874 wurde die Verbindung von Köln über West nach Duisburg fertiggestellt: Ratingen konnte zum Industriestandort anwachsen.

Stolze Fahrgäste an der Station Rath der Straßenbahn-Linie 712 (heute U72) um 1896. Die Haltestelle heißt heute Oberrath. Foto: Rheinbahn

Hösel wurde aber von einer weiteren Bahn angefahren: Ein ganzes Dorf jubelte, als am 30. Oktober 1899 die erste Dampflok in Hösel einfuhr. Sie war schwarz wie Kohlenstaub. Ein Koloss, der 24 Jahre lang die Steigung nach Heiligenhaus hinauf musste. Jedes Mal schnaubte er enorm, und Funken flogen, die der Bahn den Spitznamen "feuriger Elias" eintrugen. Er war das spektakulärste Gefährt, das die beiden Orte je verband. Der "feurige Elias" ratterte über eine Trasse, die von der Bahnhofstraße in die Kohlstraße abbog und an der Ecke Rodenwald auf die Wolf-von-Niebelschütz-Promenade führte. Spaziergänger entdecken heute auf deren Damm die letzten Spuren der Bahn.

Sie war damals der ganze Stolz der Bürger und Ziel von Lausbubenstreichen. Nicht selten verhinderte Schmierseife auf den Schienen ein standesgemäßes Fortkommen. Am 22. Januar 1923 rollte der "Püffer", so hieß er liebevoll, zum letzten Mal aus Hösel raus. Er hatte sich tief in die roten Zahlen gefahren. Auch die Inflation und der aufkommende Autoverkehr sorgten für den Abbruch der Strecke.

Mit dem Siegeszug der Elektrizität - Ratingen bekam im Jahre 1909 ersten Strom - wurden auch elektrische Bahnen für den Stadtverkehr interessant. In Düsseldorf begann die Geschichte der Straßenbahn im Jahr 1886, damals zogen noch Pferde die Tram. Die Rheinbahn wurde von Industriellen, darunter Franz Haniel und Heinrich Lueg, gegründet. Vor den Toren ihrer Fabrik an der Grafenberger Allee begann und endete die heutige Linie 712 - sie fuhr 1897 erstmals Ratingen an.

Sie galt alles andere als Teufelswerkszeug oder sowas, noch wurden erst Pläne und Überlegungen blind als "Aprilscherz" abgetan: Die Industrialisierung verlangte nach schnellen Massenverkehrsmitteln.

Die 712 war für alles gut. Auf der Todesanzeige des Zimmermanns Peter Brinckmann, 1897 verstorben, stand: "Seinen Sarg transportiert die Rheinbahn bis zur Endhaltestelle in Ratingen. Die Leidtragenden werden gebeten, sich um 4 Uhr am Düsseldorfer Thor zu versammeln." Auch die Sache mit dem Staffelholz hat sich fest eingebrannt: An der Stadtgrenze gab es eine eingleisige Strecke. Der Fahrer, der den Abschnitt befahren hatte, reichte bei Ten Eicken einen Holzstab an den entgegenkommenden Fahrer weiter: Damit war klar, dass die Strecke frei war. Bis auf ein Mal (1982) klappte das auch.

Für Pendler war und ist die U72, wie die die 712 mittlerweile heißt, lebensnotwendig, für die Jugend bedeutet sie den schnellen Anschluss an die Altstadt - neben der S 6. Als mal wieder über fehlende Diskotheken diskutiert wurde, hieß es oft: "Die beste Jugendarbeit macht die 712."

Mehrfach in der langen Geschichte der 712 hatte die Stadtverwaltung Ratingen beantragt, dass bei geplanten Bauvorhaben der Linie 12, deren Gleise bis zum Markt verlängert werden sollten. Sie schaffte es aber nur mal bis zur Wallstraße. Die U72 wird voraussichtlich im Mai den bis dahin fertiggestellten Düsseldorfer Platz anfahren. Und vielleicht kann man dort irgendwann mal in eine Seilbahn umsteigen.

(JoPr)