Der Performencekünstler Boris Nieslony zeigt seine Arbeiten im Museum Ratingen

Ratingen : Installation eigens für die Ausstellung

Der Performencekünstler Boris Nieslony zeigt seine Arbeiten im Museum Ratingen.

Heutzutage sprechen Banker von der Performance einer Aktie, parlieren Zeitgeist-Nerds von der Performance eines hippen Zeitgenossen. Das war mal anders. Nun ist „Performance“ ein interpretativer Begriff, wie zum Beispiel Demokratie. Widerspruch und Meinungsverschiedenheit sind darin bereits enthalten, eine allgemeinverbindliche Definition ist in diesem Sinne schlicht unmöglich. Das macht Spaß, das kann man ab Freitag bei einer Sonderausstellung im Museum Ratingen sehen. Dort heißt es bis zum 6. Oktober: „das es geschieht“ und ist die Werkschau eines Halbruhigen, die Rückschau von 2019 bis 1975 auf die Arbeiten von Boris Nieslony:.

Es ist die erste umfassende Einzelausstellung des international gefragten Performers, Installationskünstlers, Bild- wie Begriffsforschers, Kunstwort-Pataphysikers und Archivars Nieslony: „das es geschieht“ vereint Werke aus den vergangenen 40 Jahren. Einige Arbeiten sind erstmalig zu sehen, eine sich über 30 Meter erstreckende Wandinstallation entsteht neu.

Boris Nieslony ist 1945 in Grimma geboren, lebt und arbeitet in Köln. Während im Obergeschoss des Museums lederne Wassereimer und Schützensilber in der stadtgeschichtlichen Ausstellung gediegenes Ratinger Bürgertum versinnbildlichen, steppt bei Nieslony der Bär: Die von ihm konzipierte Ausstellung zeigt die ungeheure Aktualität seines Werkdenkens; Performances, Bild- und Begriffsbefragungen treffen auf neue Installationen – ein Parcours durch Dekaden, zwischen Paradies, Lebens- und Todesräumen.

  • Museum Ratingen : Museum Ratingen verleiht Skulptur
  • Museum : Mittagsführung durch die Sonderausstellung
  • Ratingen : Gala rückt Ehrenamt in den Blickpunkt

Boris Nieslonys künstlerische Biographie zeichnet sich durch eine „Praxis des Gründens“ aus. Er begann, von Hamburg aus ein Performance-Netzwerk aufzubauen, rief 1981 zum „Konzil“ nach Stuttgart, bei dem 30 Tage lang über 100 Performancekünstler und -innen sowie Interessierte miteinander arbeiteten und diskutierten. Er ist Gründungsmitglied der Performancegruppe Black Market International (BMI) und nahm 1987 an der documenta 8 teil.

2001 gründete er das Europäische Performance Institut, initiierte 2010 das Aktionslabor „PAErsche“ und baut seit den 1980er Jahren ein eigenes Performancearchiv auf, das seltenes Material zu unzähligen, Akteuren der Performancekunst archiviert und für internationale Forscher und Forscherinnen zur Verfügung stellt.

Die Besucher begegnen knapp 800 Fotografien zum Verb „tragen“: Eine Schwangere zeigt ihren weiblichen Körper, Theo Waigel trägt ein Kind Huckepack, ein Soldat trägt einen blutverschmierten Körper aus dem Schusswechsel. Frau trägt Zylinder, Mann trägt Narrenkappe, der Papst die Tiara, der Bräutigam die Braut, Fußballer einander im Torjubel, Björk die verrücktesten Haarverflechtungen.

„Was Menschen tun und wie“ lautet die entscheidende Frage, die Boris Nieslony schon Ende der 1970er Jahre zum Bildwissenschaftler werden ließ. Seit Dekaden beschäftigt Nieslony sein Paradies – er arbeitet mit ihm und hält die unterschiedlichsten Momente und Lichtsituationen fotografisch fest, stiftet und reflektiert ungewöhnliche Ding-Begegnungen.

Museen sind heutzutage nicht langweilig, wenn man – wie hier – dem Leben die Tür öffnet.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn. Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerkatalog.