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Ratingen: Der Laden war ihr Leben

Ratingen : Der Laden war ihr Leben

"Bei Ihnen bekommt man aber auch alles", lobte die Kundschaft von Erna Messer. Gemeinsam mit Ehemann Karl verkaufte sie viele Jahre lang Lebensmittel im Haus Messer auf der Lintorfer Straße. Heute feiert sie 90. Geburtstag.

"Da haste gesessen, da haste geschlafen" denkt Erna Messer eigentlich immer, wenn sie an ihrem ehemaligen Geschäft vorbeigeht. Von 1946 bis 1987 hat sie dort ihr Leben verbracht — im Erdgeschoss gearbeitet und im ersten Stock gewohnt. Jeden Morgen um vier aufgestanden und um fünf zum Großmarkt nach Düsseldorf gefahren, auch wenn es dort kurz nach Kriegsende noch nicht viel zu holen gab.

Erna Messer mit einem Bild von Haus Messer im Hintergrund. Sie hat es bei einem Maler aus Kettwig in Auftrag gegeben. Foto: achim blazy

Es musste ja weitergehen, sagt Erna Messer, die 1942 in die Kaufmannsfamilie Messer einheiratete. Nach der Wiedereröffnung am 1. März 1946 gab es bei Messers im Laden und im benachbarten, glasüberdachten Torweg Obst, Gemüse, Eier, Butter, Margarine und Fisch, später dann die ersten Erdnüsse, die ersten Zitrusfrüchte, die erste Ananas. "Und alles so schön dekoriert — das war mein Leben", blickt Erna Messer zurück, und ergänzt: "Wenn es hieß ,Bei Messers gibt es Fisch' standen die Leute Schlange bis zum Marktplatz."

"Alles passte perfekt"

Sie nahm ihrem von der Kriegsgefangenschaft gezeichneten Mann Karl — "er hat nie über seine Soldatenzeit gesprochen" — die Buchführung ab, büffelte mit den Lehrmädchen für die Prüfungen, hatte schnell einen Führerschein und packte auch bei schwerer Arbeit mit an. Trotz ihres harten Alltags sagt sie: "Alles passte perfekt. Wir wären niemals auseinandergegangen."

Geboren wurde sie in Meerbeck bei Moers, als Tochter eines Schreiners. Gegenüber war eine Bäckerei, die einem Onkel ihres späteren Ehemanns gehörte. Dort lernte Erna Ufermann den 17 Jahre älteren Karl Messer kennen. "Der Altersunterschied war toll: Ich wurde sehr verehrt, er konnte mit seiner jungen Frau angeben", erzählt sie, und lacht. 1946 übernahmen die beiden in Ratingen das wiederaufgebaute elterliche Geschäft. "Eine Bombe hatte den Birnbaum erwischt, der komplette Giebel war rausgefallen und die Küche war weg", erinnert sich Erna Messer an die unmittelbare Nachkriegszeit.

Nach "zehn Jahren fleißiger Arbeit" hatten die beiden eine sichere Existenz aufgebaut, wagten erst dann die Gründung einer Familie. Sohn Karl Heinrich kam 1954 zur Welt und "wuchs praktisch im Laden auf". Zwei Jahre später starb Karl Messer an den Folgen seiner Kriegsleiden. Erna stand mit Laden und Sohn alleine da — und nahm die große Aufgabe mit gewohntem Pragmatismus an.

Über 30 Jahre lang führte sie das Geschäft, überstand einen Herzinfarkt, gestattete dem Sohn kein schlechtes Gewissen, als er aus beruflichen Gründen wegzog. Mittlerweile ist er wieder in Ratingen, aber Erna Messer will immer noch nicht, mit heute 90 Jahren, zu ihm ziehen: "Ich möchte selbstständig bleiben, selber einkaufen gehen und kochen, das bin ich gewöhnt." Sie ist bekannt in der Stadt, plauscht gern, besucht Cafés. Aber ihre Rommé-Schwestern, mit denen sie im Seniorentreff auf der Minoritenstraße so gerne spielte, sind alle schon verstorben. "Ich bin die letzte. Das ist furchtbar — aber ich schüttele das ab wie ein Hund den Regen."

(RP/rl)