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Der Aufbau des Textilmuseums in Ratingen hielt Überraschungen bereit.

25 Jahre Museum Cromford in Ratingen : Am Anfang war ein Museum ohne Sammlung

Seit 25 Jahren ist die Textilfabrik Cromford Teil des LVR-Industriemuseums. Claudia Gottfried und Christiane Syré erinnern sich.

So richtig beliebt war der Stadtteil Cromford in den 70er Jahren nicht. Mehr als 200 Jahre ratterten dort die Maschinen der Baumwollspinnerei. Die Fabrik, 1784 von Johann Gottfried Brügelmann gegründet, war ein beliebter Arbeitsplatz und zog Menschen aus allen Himmelsrichtungen an. Das heute so beschauliche Cromford entwickelte sich zum sozialen Brennpunkt, den die Stadtväter gerne loswerden wollten.

1977 schlossen sich die Tore der Fabrik, die Stadt witterte ihre Chance und begann mit dem Abriss der Gebäude. „Nur das Herrenhaus sollte bleiben“, weiß Museumsleiterin Claudia Gottfried. „Geplant war ein Neubaugebiet mit dem Schloss in der Mitte.“ Doch es kam anders. Der Denkmalschutz schritt ein und erklärte die erste Fabrik auf dem europäischen Kontinent für erhaltenswürdig. Eine ganze Weile schlummerten die Gebäude im Dornröschenschlaf, bis ein Konzept der Landesverbände Rheinland und Westfalen Lippe der Anlage wieder Leben einhauchte.

„Es entstand ein ganz neuer Museumstyp“, erinnert sich Claudia Gottfried. „Fabriken, die Städte und Regionen geprägt hatten, sollten erhalten werden.“ Besucher sollten die Arbeitswelt von einst entdecken können. Die Stadt Ratingen, die schon länger rätselte, was mit den Gebäuden nun anzufangen sei, brachte Cromford ins Spiel. Der Standort wurde in die neu entstehende Museumslandschaft aufgenommen. Das war im Jahr 1996. Für Claudia Gottfried und Christiane Syré, die bis heute im Museum Cromford arbeiten, begann ein Abenteuer.

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Es gab zwar Gebäude, aber keinen Inhalt. „Wir waren ein Museum ohne Sammlung“, erinnert sich Gottfried. Vorgabe des LVR-Industriemuseums (das damals noch Rheinisches Industriemuseum hieß) war es, die Fabrik mit Maschinen in Aktion zu zeigen, um den Besuchern technische, gesellschaftliche und soziale Aspekte der Arbeitswelt näherzubringen. Also begann die Spurensuche.

Von der Spinnmaschine, Waterframe genannt, war nichts mehr übrig. „Wir haben die Geschichte wie im 18. Jahrhundert nachgelebt“, berichtet Christiane Syré. Welches Material wurde verwendet? Welche Baumwolle, welches Vorgarn kam zum Einsatz? „In Quellen des 18. Jahrhunderts haben wir nach Informationen gesucht“, so Syré.

Ausgerechnet die Briten unterstützten das Team beim Nachbau der Maschinen. Die hätten eigentlich allen Grund gehabt, sauer auf Firmengründer Brügelmann zu sein, denn sie hüteten seinerzeit die Geheimnisse ihrer Baumwollspinnerei wie einen Schatz. Wie Brügelmann an die Pläne der wasserradbetriebenen Maschine gekommen ist – darüber kann bis heute nur gemutmaßt werden. Er selbst behauptet, ein Freund hätte ihm die Informationen besorgt. Laut Familienchronik hat er selbst in Cromford als Spinner gearbeitet und wäre so einer der ersten Industriespione der Geschichte gewesen.

Nach rund 250 Jahren hatten sich die Gemüter beruhigt, und Cromford lieferte Pläne für den Nachbau der Spinnmaschine. Bei der Sanierung des Gebäudes wartete auf Gottfried und Syré aber noch eine Überraschung. „Als die alten Böden aufgehoben wurden, stellten wir fest, dass das Wasserrad sich in der Mitte des Raumes befunden hatte und nicht, wie ursprünglich angenommen, an der Außenseite des Gebäudes“, erzählt Gottfried. Also musste das Museumskonzept umgeschrieben werden. Bis zuletzt hielten Gottfried und Syré die Luft an, ob die Waterframe tatsächlich laufen würde. Wie oft Gewichte und Zahnräder eingestellt werden mussten, bis endlich ein Faden hergestellt werden konnte, kann Syré nicht mehr zählen. Bis heute muss die Maschine regelmäßig neu eingestellt werden – aber sie läuft.

Überraschungen barg auch das Herrenhaus. Die Stadt Ratingen erklärte sich zur Sanierung bereit. „Dabei kam heraus, dass Brügelmann wohl zunächst ein kleines Haus geplant hatte“, berichtet Gottfried. Dicke Mauern zeugen davon, dass sie ursprünglich als Außenmauern gedacht waren. „Die Fabrik lief wohl so gut, dass der anfängliche Bau in das Herrenhaus integriert wurde. „Bei der Sanierung stießen wir auf Treppen, die ins Nirgendwo führten, und auch ein Brunnen kam zum Vorschein“, erzählt Syré. „Unter den Wandverkleidungen fanden wir alte Farbanstriche wieder und zum Teil Tapeten mit aufwendigem Muster“, sagt Gottfried. Beides ist in Fragmenten heute wieder im Herrenhaus sichtbar. Aufmerksame Besucher bemerken an Türrahmen Farbleitern, die auf die alten Anstriche hinweisen.

Die Arbeiten und die Forschung im Familienarchiv der Brügelmanns lieferten wertvolle Erkenntnisse für den Aufbau einer Sammlung. „Eine einmalige Chance“, aber: „Wir hatten ja keine Ahnung, ob das die Besucher am Ende auch interessieren würde“, geben Gottfried und Syré zu. Sie entschieden sich am Ende, Kleidungsstücke zu sammeln. „Mode ist ein sehr guter Indikator für die gesellschaftliche Entwicklung“, so die beiden Frauen.

Zu Beginn riefen sie Ratinger Bürger auf, ihnen ihre Kleidungsstücke und die dazugehörigen Geschichten vorbeizubringen. Eine Tradition, die sich zum Teil bis heute hält. „Manchmal steht einfach ein Paket vor der Tür“, so Syré. Dabei hat das Textilmuseum sich auch einen skurrilen Ruf erarbeitet. „Wir sammeln teilweise auch verschlissene Kleidung, immer in Anlehnung an das Ausstellungsthema.“ So können vielfach gestopfte Socken durchaus als Exponat noch einmal zu Ehren kommen.

Das Konzept ging auf. Gepaart mit Veranstaltungen, einer etablierten Museumspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit, hat sich das Museum Cromford im Laufe der vergangenen 25 Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Kein Grund, sich zurückzulehnen, finden Gottfried und Syré. „Wir sind gerade dabei, unsere eigene Arbeit infrage zu stellen.“ Ideen gibt es genug. Die beiden Frauen wollen die Digitalisierung vorantreiben, ein neues Konzept für die Dauerausstellung entwickeln, gezielter junge Besucher ansprechen, aber auch den museumseigenen CO2-Verbrauch unter die Lupe nehmen und eine Brücke in die Gegenwart schlagen. Das Museum wie auch der Stadtteil wandeln sich also weiter. Von dem einstigen Problemviertel kann heute keine Rede mehr sein. Für Gottfried und Syré ist Cromford längst einer der schönsten Stadtteile.