Heiligenhaus: Botschafter sind mit Stühlen unterwegs

Heiligenhaus: Botschafter sind mit Stühlen unterwegs

Zwölf Gesamtschüler reisten zum Friedenscamp ins belgische Ypern. Sie berichteten jetzt, was sie dort bewegt hat.

"Es ist krass, zu erleben, dass jeder Grabstein für einen Menschen steht, der gestorben ist; auf manchen Kreuzen stehen sogar 16 Namen auf einmal. So etwas kann man sich nicht vorstellen." Gesamtschüler Sam stand in der vergangenen Woche gemeinsam mit elf weiteren Neunt- und Zehntklässlern sowie Schülern einer englischen Schule an Kriegsfriedhöfen, auf denen mehrere zehntausend Menschen liegen, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben haben lassen müssen.

Es war ein Besuch, der die Schüler geprägt hat. Die Gräber rund um die belgische Gemeinde Ypern und ihre Geschichten haben die Schüler aus den Partnerstädten Heiligenhaus und Basildon zusammen gebracht - vor genau 100 Jahren wären sie erbitterte Feinde gewesen. Stattdessen spielten sie das berühmte Fußballspiel nach, das am Heiligen Abend 1914 für einen Waffenstillstand zwischen deutschen und englischen Soldaten sorgte, bevor sie sich wenige Stunden später wieder angriffen. Einen Schützengraben aus der Zeit sahen sich die Schüler, wie Tim berichtet, ebenfalls an.

Die Schülerreise des Projektes "Never Forget", welches unter anderem vom Basildoner Bob Sheridan organisiert wurde, sorgt dabei für ihre eigene Art von Nachhaltigkeit: "Wie viel Leid es gab! Wir waren alle bedrückt, vor allem als einer unserer englischen Freunde das Grab seines Ur-Ur-Urgroßonkels gefunden hat", erinnert sich Iman, die anfügt, dass die Schüler sich schnell angefreundet haben. Gemeinsam mit den Lehrerinnen Bettina Hellmich und Sarah Göhring ging es also zu einem ganz besonderen Projekt, für das Förster Hannes Johannsen ihnen auch etwas ganz Besonderes mitgegeben hatte: Drei Miniaturstühle aus einem Baumstamm, der über 150 Jahre an der Rossdelle gewachsen war, in der Nähe von dem Ort, wo die Gesamtschüler bald Friedensbäume anpflanzen werden. Die zwei großen Versionen der Stühle, aus demselben Holz, werden im September auf beiden Seiten des Lochnagar-Kraters an der Somme aufgestellt, dem größten von Menschen geschaffenen Kraters aus dem Ersten Weltkrieg.

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"Dahinter steckt die Idee des 'empty chairs', des leeren Stuhls, der nach dem Ersten Weltkrieg an so vielen Tischen frei geblieben ist. Ein Gedanke, der in Großbritannien bekannter ist als hier. Aber ich wollte nicht nur einen Stuhl machen, denn es sind schließlich auf beiden Seiten der Front Stühle leer geblieben", sagt der Förster. "Und gerade wenn man heute die Nachrichten schaut, wird einem bewusst, wie wichtig es ist, die Sinnlosigkeit von Krieg zu zeigen."

Die Symbolik rührt auch Bürgermeister Michael Beck, dem die Schüler von ihren Erfahrungen als Friedensbotschafter berichteten. "Gerade dieses Fußballspiel zeigt, wie perfide Krieg wirklich ist", findet Beck. "Viele Soldaten waren nicht viel älter als ihr." Beck wünscht sich von den Schülern: "Sprecht viel mit euren Mitschülern und den Menschen, die euch begegnen." Das werden sie tun, indem ihre Tagebücher für andere Schüler zur Verfügung stehen werden.

(sade)
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