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Tiefenbroich: Blüten brauchen einen Frostschutz

Tiefenbroich : Blüten brauchen einen Frostschutz

In Tiefenbroich gibt es die Frostschutzberegnung, die die weiße Pracht und damit die Ernte rettet.

Wochenlang waren die Apfel- und Kirschbäume an der Sohlstättenstraße eher leise dem Frühjahr entgegen gewachsen. Dann drohte Frost; es gab nachts unerwartete Geräusche. Es wurde nämlich Wasser gestäubt – und das bis zu den Stunden, in denen die Sonne Helligkeit und bereits eine gewisse Wärme verströmte.

Und dann konnte man sehen, dass sich das Eis, das sich nachts aus dem zerstäubten Wasser um die Blüten gehüllt hatte, wieder weggeschmolzen war. Und jedes Mal, wenn so ein Prozess über die 4600 Bäume gerauscht war, hatten die Männer vom Sackerhof, Bernd Zimmermann, der Senior, und Jan, der Junior, wieder einmal die Zukunft der Früchte gerettet.

Jetzt, wo die Bäume in voller Blütenpracht stehen, entscheidet es sich, ob aus all den Blüten Früchte werden können. Und dazu findet in Tiefenbroich die so genannte Frostschutzberegnung statt, die die weiße Blütenpracht und damit die Ernte rettet.

Fröste mitten im Frühling können die zarten Triebe und Blüten vieler Obstbäume zerstören. Plantagen werden daher oft beregnet, um die zarten Blüten vor stärkerem Frost zu schützen. Bei dieser Art des Frostschutzes werden wesentliche Eigenschaften des Wassers genutzt.

Und hier beginnt die gelebte Physik: Das Wasser gibt Energie ab, wenn es vom flüssigen in den festen Aggregatzustand (Eis) wechselt. Das Wasser kühlt ab und gefriert, während sich die unmittelbar umgebende Luft etwas erwärmt. Pro Liter Wasser werden bei diesem Übergang zum Eis 335 Kilojoule frei. Man nennt diese Wärme auch Kristallisationswärme.

Dabei ist zu beachten: Obwohl das Thermometer noch 3 Grad anzeigt, kann die Pflanze schon bei 0,5 Grad liegen, weshalb eine frühzeitige Beregnung wichtig ist. Wenn von außen ständig Wasser auf die bereits gefrorenen Äste gesprüht wird, hält dies den Gefrierprozess ständig in Gang. So bleibt die Temperatur im Inneren der vereisten Obstbaumteile, also an Ästen, Knospen und Blüten, bei 0 Grad und schützt so die Blüten vor dem Erfrieren, denn Eis ist kein guter Wärmeleiter und hemmt daher den Wärmeverlust.

Schon um halb elf abends ging in der vergangenen Woche die erste Alarmierung auf dem Handy ein; die Herren Zimmermann mussten also nicht mehr, wie früher, neben dem Baum ausharren, sondern konnten technische Hilfsmittel nutzen und den Rettungsversuch von Ferne in Gang bringen.

Um eine halbe Stunde nach Mitternacht wurden die Pumpen angestellt, denn die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt. Die Beregnung begann. Jan Zimmermann: „Dabei entsteht Gefrierungswärme von 335kj/kg, was bei unserer Fläche dem jährlichen Energiebedarf von etwa zehn Einfamilenhäusern entspricht.“ Und: „Fällt in der Beregnungszeit die Pumpe aus, kann es zum Totalschaden kommen. Es fehlt dann die freigesetzte Energie durch das Gefrieren von Wasser, und die Knospe stirbt sofort.“

Heikel sind windstille Nächte während stabiler Hochdrucklagen, wenn aus nördlichen Breiten trockene Luft einfließt. Sie kann diese stark auskühlen. Besonders in geschützten Tal- und Muldenlagen geht es mit den Temperaturen dann rasch in den Keller. Weil die Luft am Boden stärker abkühlt als die Luft darüber, kommt es auch dort zuerst zu Frost. Windgeschützte Mulden und Senken sind besonders anfällig für Bodenfrost, da sich dort schnell bodennahe Kaltluftschichten sammeln können. Und genau so ist es an der Sohlstättenstraße.

Die nächste Beregnung findet wahrscheinlich am Wochenanfang und in den darauf folgenden Nächten statt. Wenn alles klappt, werden die drei Meter hohen Bäume dann zu ihrer Erntezeit eine Vielzahl von Äpfeln tragen, von Elstar über Rubinette bis zur Pink Lady. Cox Orange-Äpfel sind nicht dabei. Sie werden oft von nostalgisch schwärmenden Kunden angefragt, dann aber kaum gekauft. Immerhin stammt die Rubinette von der Muttersorte Golden Delicious und der Vatersorte Cox Orange.