Heiligenhaus: Bewegende Schicksalsklänge

Heiligenhaus: Bewegende Schicksalsklänge

In der Christuskirche erlebten 800 Zuhörer eine Inszenierung, die Franz Schuberts Liedzyklus "Winterreise" mit autobiografischen, bearbeiteten Texten von Obdachlosen aus der Region verknüpfte.

Bewegtes Schweigen — dann minutenlange Ovationen für die "Deutsche Winterreise" in der Velberter Christuskirche. Bei den über 800 Besuchern herrschte emotional tiefe Betroffenheit ob des Inhalts und hohe Begeisterung für ein sozio-kulturelles Projekt welches das tragisch "Subjektiv-Menschliche" zu "Objektiv-Künstlerischem" erhob.

In einer durchaus als genial zu bezeichnenden Choreographie hatte der Journalist und Sozialpädagoge Stefan Weiller Franz Schuberts Winterreise mit Lebensgeschichten von wohnungslosen Menschen aus Velbert und Umgebung in Beziehung zueinander gesetzt.

Die 24 Lieder nach Gedichten von Wilhelm Müller verkörpern die Tragik des Menschenlebens schlechthin, erzählen in den Texten von unüberwindlichem Weltschmerz, trostloser Einsamkeit, Verzweiflung, selbstquälerischer Zerrissenheit und Todessehnsucht. Handlungsarm, sind sie geprägt von der Agonie des Geistes. Eine verinnerlichte Kulisse, wie geschaffen für die Integration der Vita von Wohnungslosen mit ihrem Schicksal von Armut, Depression, Auswegslosigkeit, sozialer Ausgrenzung und der Flucht in Alkohol- und Drogenkonsum.

Die unter die Haut gehenden Lebensläufe sind authentisch, bleiben aber anonym. Interviews mit wohnungslosen Frauen und Männern vom 20. bis zum 60. Lebensjahr über ihr Leben und Denken setzte Weiller gekonnt in eine knappe und präzise Sprache, passend zu den Liedern.

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Das Ziel? "Anregungen zu Diskussionen und sozialer Verantwortung gegenüber der Tragik von Wohnungslosen" betont Initiatorin Renate Zanjani, Beauftragte des Veranstalters, der Diakonie des Kirchenkreises Niederberg. Diese "Velberter Winterreise" beschönigt und erfindet nichts. Ideenreich neu konzipierte Weiller das Schubert-Werk, das für einen Sänger und Klavierbegleitung geschrieben wurde, in der Aufführungspraxis. Mehrere Sänger symbolisierten die Vielzahl der Wohnungslosen.

Die ergänzenden biografischen Zwischentexte wurden als markante Brüche wahrgenommen. Das unterstrich einerseits die innere Struktur der Schubert-Lieder mit ihren drastischen Dur- und Mollwechseln innerhalb eines Liedes, andererseits die Brüche im Leben jedes einzelnen Wohnungslosen. Hochkarätigen etablierten Künstlern und Musikern gelang in beeindruckender Choreographie vor der Kulisse des wuchtigen Sandsteinaltares der Christus-Kirche ein künstlerisches Glanzlicht, das inhaltlich tiefe Spuren hinterließ.

Der Schauspieler und Kabarettist Jochen Busse identifizierte sich förmlich in prägnantem Sprachduktus mit den biografischen Texten. Und das ehrenamtlich. Angepasst an die jeweils männlichen und weiblichen Lebensskizzen intonierten betörend solistisch oder im Duett Christina Schmidt mit einem herrlich aufblühenden lyrischen Sopran, Dirk Schneider mit volltönendem samtigem Bariton und Wolfgang Vetter mit leuchtendem Tenor.

Musikalisch bestach in der Begleitung oder im Zwischenspiel der Pianist Hedayet Djeddikar am Piano, ebenfalls mit passender Registrierung eine Organistin und zartem Spiel eine Flötistin. Da wurde die Trostlosigkeit der Wohnungslosen lebendige Realität. Der Trost des Abends aber mit den trostlosen Liedern und Texten lag in der Schönheit der Musik mit ihrer breiten Gefühlsskala und den bravourösen Interpretationen.

(ror)
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