Heiligenhaus Betreuer-Ausbildung muss besser werden

Heiligenhaus · Beim 9. Jugendhilfetag wurde kontrovers über die Qualität der frühkindlichen Betreuung diskutiert - ein Reizthema.

 Beim Jugendhilfetag diskutierten (von links) Kerstin Griese, Corinna Kieren und Gundula Kohn mit den Gästen.

Beim Jugendhilfetag diskutierten (von links) Kerstin Griese, Corinna Kieren und Gundula Kohn mit den Gästen.

Foto: achim blazy

Wie lange brauchen Kinder die volle elterliche Fürsorge, bevor sie in die Kinderbetreuung gehen? Welche Auswirkungen könnte diese Entscheidung haben? Der 9. Heiligenhauser Jugendhilfetag widmete sich am Samstag dem Thema der U3-Betreuung - und bot ausreichend Stoff für eine kontroverse und intensive Diskussion über Vor- und Nachteile der frühkindlichen Betreuung.

"Die Bindung muss im Vordergrund stehen. Die Bindung der Kinder an ihre Eltern", sagt Rainer Böhm, Leitender Arzt des Sozialpädiatrisches Zentrums Bielefeld, vor einem gut besuchten Auditorium in der Gesamtschul-Aula. Zu frühes Weggeben des Kindes könne Untersuchungen zufolge langfristige gesundheitliche Folgen für das Kind mit sich bringen, durch Stressbelastung zum Beispiel. Auf der anderen Seite sei die Berufstätigkeit beider Eltern zu sehen.

Gemeinsam mit dem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie referierten auch Lehrerin Corinna Kieren. Sie berichtete als Mutter und Pädagogin von ihren Erfahrungen der U3-Betreuung, ebenso wie die Wülfrather Kita-Fachfrau Gudula Kohn. Vor dem Fachpublikum traten sie nach ihren Vorträgen aber auch in den Diskurs auf einer Podiumsdiskussion, dem sich auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese, Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales, anschloss.

Drei Aspekte seien dem Mediziner Böhm in der Kinderbetreuung gleich wichtig: "Der erste Aspekt ist hohe Qualität in der Betreuung, dann muss die zeitliche Inanspruchnahme der Betreuung so gering wie möglich sein und zudem müssen Familie Unterstützung erhalten. Auch die Aus- und Weiterbildung der Betreuer muss verbessert werden."

So fordert Böhm zum Beispiel eine akademische Ausbildung für Kinderbetreuung. Das flächendeckend einzuführen sei allerdings eine langfristige Aufgabe, gestand Griese ein, die das deutsche Ausbildungssystem für Erzieher bereits jetzt mit dem Niveau an einer Hochschule vergleichbar findet. "So werden die Erzieher aber nicht bezahlt", so Böhmes Entgegnung.

Auch den Personalschlüssel geht Böhm an, dieser müsse angemessen sein. Corinna Kieren: "Menschen, die diesen Beruf gewählt haben, tun dies aber vor allem aus Berufung. Kinder spüren, wenn Erzieher mit Herzblut bei der Sache sind. Die Wertschätzung für diese Arbeit ist wichtig." Vom Fachpublikum gab es dafür ganz besonderen Applaus. "Ein Hochschulstudium darf nicht bedeuten, dass in der Arbeit selbst unterschieden wird", betonte Gudula Kohn. Wissenschaft, Politik, Familien und Betreuer müssen Hand in Hand arbeiten und gemeinsam für das Kindswohl die besten Lösungen finden. "Der Wirtschaft ist nicht daran gelegen, dass Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen. Das spiegelt sich auch in der Politik wieder", sagte Böhm. Dem widersprach Griese vehement und führte Neuerungen wie Elterngeld oder Elternzeit an. Trotzdem erkennt auch die Bundestagsabgeordnete hier die Pflicht der Wirtschaft. "Gute Arbeitgeber gehen auf Familienbedürfnisse ein. Die Arbeit muss sich der Familie anpassen, nicht anders herum."

(RP)
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