Ausbildungslotsen bingen Firmen und Azubis zusammen

Interview : Firmen und Azubis zusammenbringen

Im April nahmen die Ausbildungslotsen für den Kreis Mettmann ihre Arbeit in der IHK-Zweigstelle Velbert auf.

Christine Mertens, Sven Uthmann und Manuela Huber sollen ab sofort dafür sorgen, dass sich das Missverhältnis von angebotenen Ausbildungsstellen im Kreis und darauf passenden Bewerbern verbessert. Es werden insbesondere für den technischen Bereich Nachwuchskräfte gesucht, junge Leute wollen aber eher kaufmännische Berufe erlernen.

Als Ausbildungslotsen kümmern Sie sich nicht nur um die Unternehmen der Region, sondern auch um Jugendliche, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind. Können Sie sich noch an Ihre eigene Orientierungslosigkeit in dieser Zeit erinnern?

MERTENS Ich wusste bereits in der Schulzeit, was ich wollte: Studieren und ins Ausland gehen. Schwieriger wurde es beim Start in den Job, was aber auch den Rahmenbedingungen geschuldet war. Ich bin mit meinem Mann nach Österreich gezogen und konnte dort mein Studium der Interkulturellen Kommunikation gar nicht richtig anwenden. Ich bin erst in den Einzelhandel gegangen, danach war ich als Vertretungslehrerin und Bewerbungscoach in Duisburg tätig. Heute weiß ich, dass sich nach Ausbildung oder Studium im Beruf immer wieder neue Türen öffnen.

UTHMANN Ich hatte eigentlich schon ab der fünften Klasse die Technik im Fokus. Ich lernte Industriemechaniker und absolvierte später die Weiterbildung zum Maschinenbautechniker. Schwierig war eher, sich in der Vielzahl der Möglichkeiten technischer Berufe zurechtzufinden.

Wie sind oder waren Ihre ersten Schritte als Ausbildungslotsen für den Kreis Mettmann?

MERTENS Wir tasten uns erst mal an die Unternehmen in der Region heran. Wichtig ist dabei auch, Zugänge zu den Firmen zu finden, die im Moment nicht ausbilden. Das sind im gesamten Kreisgebiet rund 12000 mit einer Mitarbeiterzahl zwischen sieben und 49. Der nächste Schritt ist dann die Azubi-Akquise für ein möglichst passgenaues Matching.

Gibt es denn schon erste Ergebnisse aus Ihrer Arbeit, die sie im April hier aufgenommen haben?

UTHMANN Wir bauen zunächst unsere Netzwerke auf und aus, aber das funktioniert bereits sehr gut. Wir suchen den Kontakt zu Unternehmern auf Veranstaltungen oder telefonisch, gehen aber auch gerne mal einfach vor Ort klingeln. Das ist zwar weniger formell, aber wenn erst mal der Begriff „Auszubildende“ gefallen ist, kommen wir oft ins Gespräch. Wir haben eigentlich auf jede Bemerkung zum Stichwort – ob Erfolg, Misserfolg oder noch gar keine Erfahrungen – eine Antwort und können so in einen fruchtbaren Dialog eintreten. Schon kurz nachdem wir unsere Arbeit aufgenommen hatten, konnten wir erste Unternehmer dazu bewegen, das Ruder herumzureißen und doch wieder oder auch erstmals auszubilden.

MERTENS Dabei erweisen sich zwei Punkte als besonders schwierig: Ein fehlender Ausbildungsschein, der AEVO-Schein. Dies ist oftmals auf eine unklare Informationslage zurückzuführen. Der zweite Punkt ist das Azubi-Recruiting. Wir bekommen häufig die Rückmeldung, dass es sehr schwierig und aufwändig für Betriebe ist, Azubis zu finden. Daher gehen wir auch auf Schulen zu, besuchen Ausbildungsmessen und Azubi-Speed-Datings. Die Unternehmen, die regelmäßig ausbilden, beschweren sich übrigens vergleichsweise selten über die mangelnde Ausbildungsreife von Bewerbern.

Und doch gibt es immer wieder diese Kritik. Gerade im Zusammenhang mit dem angeblich zu schweren Mathe-Abi in NRW kam diese wieder auf, als beispielswiese Mittelstandschef Mario Ohoven äußerte, dass kaum noch die Grundrechenarten beherrscht werden. Wie ist Ihre Wahrnehmung dazu?

MERTENS Das größte Problem ist die Verschiebung der Bildungsabschlüsse hin zu Abitur und Studium, da fehlt insbesondere dem Mittelstand das Bildungs-Mittelfeld. Wenn wieder mehr Schüler nach der zehnten Klasse in eine Ausbildung gehen würden, nähme auch die Zahl der Studienabbrecher wieder ab. Zu viele beginnen ihr Studium, stellen dann fest, dass es doch nichts für sie ist und entscheiden sich doch für einen anderen Weg. Dabei verschenken sie zwei bis drei Jahre. Unser Bildungssystem müsste die Schüler früher in die Lage versetzen, eine richtige Entscheidung für ihren beruflichen Lebensweg zu treffen.

UTHMANN Außerdem werden zu viele Schüler bis zum Abschluss durchgeschleust. Es muss aber nicht immer unbedingt das Abi sein. Viele junge Leute sind auch mit einem mittleren Bildungsabschluss beruflich erfolgreich. Ich selbst hätte meinen Weg zum Beispiel auch gut ohne geschafft.

Viele Schüler tun sich schwer, Praktika für sich zu finden. Wie sinnvoll ist diese Form der Berufsorientierung?

UTHMANN Praktika sind – für beide Seiten, also potenzielle Mitarbeiter und Arbeitgeber – eine sehr gute Chance zu Orientierung. Und freiwillig initiierte Schnupperzeiten in Betrieben, zum Beispiel in den Ferien, zeugen von Engagement und Interesse und sind gerne gesehen. Trotz der Schul-Pflichtpraktika fehlen den Jugendlichen die Bezüge zur Arbeitswelt und ich hoffe, dass wir hier helfen können, Brücken zu schlagen und Fehltritte zu vermeiden. Gerade die Pflichtpraktika bringen vielen Schülern oft wenig, weil sie schlecht vorbereitet stattfinden.

Wie sieht die konkrete Unterstützung der Unternehmen aus?

MERTENS Wir erheben zunächst den Ist-Stand und klären die Beweggründe des Unternehmens, warum Wege zur Fachkräftesicherung durch Ausbildung bisher nicht eingeschlagen wurden. Wir klären, welche Informationen oder Hilfen benötigt werden, um in Zukunft erfolgreich auszubilden und begleiten auch auf diesem Weg. Da können auch Kooperationen mit anderen Unternehmen oder Institutionen helfen. Dann stellen wir gemeinsam mit den beteiligten Personen das Ausbildungsmarketing systematisch auf und denken auch darüber nach, welche Bausteine eventuell ausgelagert werden können.

UTHMANN Ist dann ein geeigneter Azubi gefunden, begleiten wir beide Seiten noch eine Weile sehr engmaschig und führen Feedback-Gespräche, um so auch eventuell aufkommende Unstimmigkeiten moderieren zu können.

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