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Auf und davon, doch das kann teuer werden

Ratinger Unfälle : Bei Unfallflucht droht Gefängnis

Mindestens zehn Mal pro Tag riskieren Autofahrer im Kreis Mettmann, dass aus einer Bagatelle ein Strafverfahren wird. Sie beschädigen fremdes Eigentum – und fahren weg. Dabei wird knapp jede zweite Unfallflucht aufgeklärt.

Unlängst kam es auf der Straße Lintorfer Markt zu einer dreisten Verkehrsunfallflucht, die jedoch wegen einer sehr guten Zeugenaussage schnell geklärt werden konnte. Als eine 63-jährige Pkw-Fahrerin aus Lintorf mit ihrem schwarzen Peugeot 207 den Lintorfer Markt in Richtung Speestraße befuhr, musste sie ihr Fahrzeug hinter einem in gleicher Richtung vorausfahrenden Mercedes stoppen, dessen 39-jährige Fahrerin aus Ratingen ihren silbergrauen A 180 CDI in Höhe der Hausnummer 5 mittig auf der Fahrspur gestoppt hatte. Als die Mercedes-Fahrerin plötzlich rückwärts fuhr, kam es zur Kollision mit dem bereits stehenden Peugeot. Hierbei entstand kein Personen-, jedoch erheblicher Sachschaden an beiden Fahrzeugen in einer geschätzten Gesamthöhe von mindestens 3.500 Euro.

Mit der Bemerkung „Ich habe sie nicht gesehen“ aus geöffneter Fahrertür heraus war die Angelegenheit für die 39-Jährige offenbar erledigt. Nachdem noch zwei hinzukommende Personen in den A 180 eingestiegen waren, setzte die Mercedes-Fahrerin ihre Fahrt einfach fort, ohne einen Personalien-Austausch durchzuführen und eine Schadensregulierung zu ermöglichen. Die Peugeot-Fahrerin alarmierte die Polizei und konnte dabei die Unfallfahrerin und deren Fahrzeug sehr gut beschreiben und dabei auch das Kennzeichen des Mercedes benennen. Im Zuge intensiver polizeilicher Fahndung konnten der Mercedes und dessen Fahrerin daraufhin nur wenige Minuten später in Ratingen West ermittelt werden.

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Unfallflucht ist zu einem Alltagsdelikt geworden. Mindestens zehn Mal pro Tag rempelt, zerkratzt und zerbeult jemand das Eigentum der Anderen. Und gibt Fersengeld. Bei nüchterner Risikoabwägung ist das dumm. Das Missgeschick wäre mit ein paar hundert Euro aus der Welt zu schaffen. Stattdessen riskieren flüchtige Fahrer ein Strafverfahren. Nach Paragraph 142 des Strafgesetzbuchs kann das unerlaubte Entfernen vom Unfallort mit einer Geldstrafe, aber auch mit einer Haft von bis zu drei Jahren geahndet werden.

Zudem können die Richter den Führerschein entziehen und bis zur Erteilung einer neuen Fahrerlaubnis eine Sperrfrist verhängen. Warum handeln Fahrerflüchtige so unvernünftig? Die Psychologin Andrea Löffler sagt: „Die Angst vor Strafe und Scham wirken zusammen wie ein Reflex: Und der sagt: Fluch!“ Das sei nicht steuerbar, sondern laufe im Unterbewusstsein ab. Erst viel später könne man wieder klar denken.

„Fahrerflucht scheint ein Delikt der Männer zu sein“, analysiert eine Sprecherin der Kreispolizei Mettmann. Von den ermittelten Fahrerflüchtigen im Jahr 2019 waren 1200 männlich, 484 weiblich. Apropos ermittelt: Die Aufklärungsquote der Kreispolizei Mettmann ist bei Fahrerflucht höher als viele annehmen. Sie lag im Jahr 2020 bei gut 40 Prozent der polizeibekannten Fälle, solange es allein um Sachschäden ging. Kommen Personen zu Schaden, schnellt der Wert für den Ermittlungserfolg hoch auf 65 Prozent. „Dahinter stecken in der Regel aufmerksame Zeugen und eine Menge Kleinarbeit unserer Spezialisten“, erläutert die Polizeisprecherin. Spuren bleiben in der Regel immer zurück. Anhand von Lackresten und Splittern können Polizisten Typ, Baujahr und Farbe des Verursacher-Fahrzeugs ermitteln. Eine weitere Quelle für Ermittlungserfolge sind Werkstätten. Denn wer einen Schaden nicht meldet, möchte verräterische Spuren am eigenen Auto möglichst rasch beseitigen.

Warum aber stehen immer weniger Autofahrer zu dem, was sie da möglicherweise angerichtet haben. Mabel Stickley von der Psychologischen Beratung Mettmann sagt: „Dafür gibt es aus meiner Sicht eine ganze Reihe von Gründen.“ Einer davon sei Stress, der durch die Corona-Pandemie noch einmal verstärkt werde.

„Man setzt sich in sein Auto, hat es eilig, schaltet die Musik ein, ist in Gedanken noch woanders und merkt gar nicht, dass man ein anderes Fahrzeug beschädigt.“ Manche Fahrerflüchtige wollten ganz einfach Geld sparen, auch wenn das viel zu kurz gedacht sei. Hier könnte ihrer Meinung nach eine Kampagne helfen, die die Folgen des eigenen Handelns deutlich macht. Bei älteren Menschen komme die Angst hinzu, den Führerschein für immer zu verlieren.

Stickley sagt, dass mehrfach pro Woche Familien bei ihr erfragen, wie Oma und Opa möglichst schonend nahegelegt werden kann, den eigenen Führerschein ruhen zu lassen. „Hier finde ich ein Angebot des TÜV Süd gut“, sagt Mabel Stickley. Dort werden nicht nur PS-Oldtimer auf ihre Verkehrssicherheit getestet. Auch Fahrer können ihre Verkehrstauglichkeit überprüfen lassen: Hören, sehen, Reaktionsvermögen. Am Ende stehe jeweils eine objektive Einschätzung der eigenen Fahrtüchtigkeit.