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Reportage : „Auf Fresh Familee sind wir immer noch stolz“

Reportage : „Auf Fresh Familee sind wir immer noch stolz“

Warum der Hip-Hop immer noch prägend für den Jugendclub West ist. Ein Ortsbesuch verrät aber auch, wie sich Jugend und Treff gewandelt haben.

Knapp 25 Quadratmeter, schallisoliert, dunkle Atmosphäre: Im Proberaum des Jugendclubs West an der Erfurter Straße 35 entstand vor mehr als 30 Jahren nichts weniger als der deutsche HipHop. „Ratingen West war mit der über Ratingen hinaus bekannten Gruppe ‚Fresh Familee‘ eine der Geburtsorte des deutschen HipHop“, berichtet Bodo Schmoldt, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums Ratingen West. Die vier Protagonisten von „Fresh Familee“ kamen aus Marokko, der Türkei, Mazedonien und Deutschland.

Nicht ohne Stolz blickt Sozialpädagoge Schmoldt auf diese Gründerzeit des deutschen Sprechgesangs zurück. Kaum zu glauben, dass die Ursprünge in Ratingen West, der früheren Trabantenstadt, liegen. Oder gerade doch. Sieht man sich rund um den Berliner Platz und im angrenzenden Jugendclub West heute um, stößt man – wie schon damals – auf ganz unterschiedliche Milieus, viele Menschen mit Migrationshintergrund, junge Menschen, die den in Verruf geratenen Stadtteil mit mehr als 18000 Menschen mit einer auswärtigen Kultur bereichern, Menschen mit „verkrachten Existenzen“, wie Schmoldt erzählt.

Dieser Schmelztiegel und zugleich dieses Sammelsurium an Heterogenität und Vielfalt bieten den optimalen Nährboden zur Entstehung von subkulturellen Bewegungen, wie auch der HipHop eine ist bzw. sein möchte. Von der musikalischen Revolte ist gegenwärtig jedoch kaum noch etwas zu spüren, obwohl es noch immer den einen oder anderen jungen HipHoper im Treff gibt, der „Fresh Familee“ nacheifert. Musik wird natürlich dort, wo etliche Sprechgesang-CDs entstanden sind, immer noch fleißig und akribisch gemacht. Nur heute ist der Proberaum keine Bühne von HipHopern mehr. Rockmusiker haben hier nun das Sagen. Zusammen mit dem Jugendtreff-Mitarbeiter Eduard Töws wird gerockt. Es seien sogar drei Rockalben bereits aufgenommen worden, sagt Schmoldt, seit mehr als 27 Jahren im Jugendtreff in West tätig.

Wenn die Musik aus dem Jugendtreff kaum wegzudenken ist, so gilt das auch für den allseits beliebten Fitnessraum just neben dem Proberaum. Der Bizeps ersetzt hier den Bass und die Beats. „Unser Fitnessraum war früher ein großer Renner. Als dann aber die Fitnessketten wie McFit oder FitX aufmachten, gingen die Jugendlichen lieber dort trainieren“, sagt Schmoldt. Aber einige kamen wieder – unbeabsichtigt. „Manche unserer Jugendlichen haben dort Hausverbot erhalten, dann kamen sie zurück zu uns. Denn sie wissen, dass sie immer zu uns kommen können und wir keinen abweisen“, sagt Pädagoge Schmoldt. Das mache auch den Charakter des Hauses aus. Nicht nur, dass es offen für jeden sei, sondern sich als echtes „Stadtteilhaus“ betrachte. „Wir sind hier ein klassisches Jugendzentrum, das es auch unbedingt in West braucht, und sind nah an den Jugendlichen. Wir arbeiten intensiv am Menschen“, sagt Bodo Schmoldt, der es daher auch vorzieht, den Kindern und Jugendlichen konkret zu helfen als irgendwelche öffentlichkeitswirksamen Kooperationen nur wegen des Kooperationswillens zu vereinbaren.  „Wenn ich ein Problem für einen Jugendlichen lösen kann, ist das für mich wichtiger.“

Es komme häufig vor, dass Schmoldt und seine fünf umtriebigen Kollegen den jungen Besuchern bei Bewerbungen helfen oder erklären, wie sie den teuren Handyvertrag kündigen können. Arbeit am Menschen. „Wir sind auch so etwas wie ein Auffangbecken“, sagt der 62 Jahre alte Schmoldt. Dabei denkt er an einige der 60 bis 80 Besucher oder an frühere Gäste, die mit den Anforderungen der Gesellschaft nicht so klar kommen wie etwa Kinder aus anderen, einkommensstärkeren  Stadtteilen. „Wir kämpfen hier mit mangelnder Bildung und Selbstbewusstsein seitens der Jugendlichen.“ Diese Mischung führe dann bei vielen dazu, dass Angebote, die der Jugendtreff schnürt, kaum nachhaltig besucht würden. „Die Verweildauer im Zentrum ist in den vergangenen Jahren spürbar gesunken.“ Viele Jugendliche kämen und gingen wieder. Sich auf eine Sache einzulassen, das Handy einmal beiseite zu legen: Das fällt schwer, beobachtet Schmoldt und sein Team.

Alles habe seine Berechtigung, sagt er auch mit Blick auf die sozialen Medien. Nur konkurrieren der Jugendclub und damit seine interessanten unterschwelligen Angebote wie etwa der Mangakurs, die Sport- und Musikangebote zunehmend mit dem Handy, das sinnbildlich für Facebook, Instagram, Youtube oder Whatsapp steht.

„Unsere Jugendlichen haben viel mehr Ablenkungsmöglichkeiten und ein komplett anderes Freizeitverhalten als  die vorige Generation“, sagt Schmoldt und betont: „Die Jugend braucht Orientierung, dafür müssen auch wir hier sorgen.“ Schmoldt, der noch sehr leidenschaftlich für sein Metier ist und es auch ausübt, „weil es ihn jung hält und er den direkten Kontakt mit der Jugend braucht“, stellt zudem fest, dass der Zusammenhalt im Vergleich zu seiner Anfangszeit in der 1990er-Jahren geringer sei, Egoismen zugenommen hätten.

 „Die Jugendlichen sind unzuverlässiger geworden und schwieriger zu motivieren.“ Wer aber denkt, Schmoldt sei ein Anhänger jener Gruppe, die früher alles besser gefunden haben, irrt gewaltig. „Wir sind immer für die Kinder und Jugendlichen da, bauen Brücken und geben ihnen immer wieder Chancen, die sie woanders vielleicht nicht mehr bekommen“, sagt Schmoldt. Arbeit am Menschen.

Dazu gehört natürlich auch eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen, ihnen Vertrauen zu schenken, Wertschätzung und Verantwortung gegenüber zu bringen  –  Kernaufgaben der Sozialpädagogik und Jugendarbeit. Das alles brauche Zeit, zudem helfe dabei ein dickes Fell. „Wenn ab und an ehemalige Besucher zu uns kommen, von früheren Zeiten erzählen und dann sagen, dass sie das oder jenes dem Jugendtreff zu verdanken haben, dann ist das Wertschätzung für unsere Arbeit. Das motiviert zum Weitermachen“, sagt Schmoldt.