Angeklagter kann sich plötzlich nicht erinnern

Heiligenhaus : Angeklagter kann sich nicht erinnern

Tatvorwurf der Vergewaltigung wird jetzt vor dem Landgericht Wuppertal verhandelt. Staatsanwaltschaft und der Angeklagte hatten Berufung eingelegt.

Schon der Prozess beim Amtsgericht hatte auf der Richterbank für Stirnrunzeln gesorgt. Dort hatte sich im November ein 29-Jähriger zu verantworten, der in der Wohnung einer Freundin eine damals 18-Jährige vergewaltigt haben soll.

Nach einem Stadtfest war man im Juni 2018 mit gemeinsamen Bekannten dort gestrandet, um weiter zu feiern. Nachdem der jungen Frau schlecht geworden war, soll sie sich ins Bett gelegt haben. Dort soll der Angeklagte über sein Opfer hergefallen sein, während die Party im Wohnzimmer weitergelaufen sein soll. Den sexuellen Übergriff hatte er bis zum Schluss bestritten, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich gewesen. „Wir glauben Ihnen diese Geschichte nicht“, ließ ihn bereits die Amtsrichterin in der Urteilsbegründung wissen.

Nachdem sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Angeklagte Berufung gegen das Urteil eingelegt hatten, wurde nun vor dem Landgericht erneut verhandelt. Und auch hier dauerte es nicht lange bis zum ersten Stirnrunzeln auf der Richterbank. Zuvor hatte die Anwältin des Opfers einen Chat-Verlauf vorgelegt, der ihr zuvor von ihrer Mandantin überlassen worden war. Demzufolge soll sich eine Cousine des türkischstämmigen Angeklagten bereits im März an die junge Frau gewandt haben mit dem Vorschlag, dass die ihre Vorwürfe zurücknehmen solle. Die Mutter des Mannes würde ihre Geldstrafe bezahlen, sollte sie wegen Falschbezichtigung mit einer solchen belangt werde. Und Geld solle auch dafür fließen, dass sie ihre Vorwürfe zurücknehme. Gleiches vermutete man nun auch bei einer Freundin des Opfers – auch diese Frau war im Vorfeld des Prozesses offenbar mit ähnlich lautendem Wortlaut angeschrieben worden und hatte bereits angekündigt, eine anderslautende Aussage machen zu wollen.

Das wiederum sorgte für Sorgenfalten beim Verteidiger, der die Chance seines Mandanten auf ein milderes Urteil schwinden sah. Der sitze doch seit beinahe einem Jahr in Untersuchungshaft und könne mit all dem überhaupt nichts zutun haben. Wollte der Angeklagte anfangs noch die Zeugin abwarten, die ihre Aussage ändern und ihn möglicherweise hätte entlasten können, so sah es zwischenzeitlich dann doch so aus, als könnte man ein Geständnis erwarten. Zuvor hatte er seine im Zuschauerraum mithörenden Eltern nach Hause geschickt, und dann.... reichte es gerade mal dafür, dass er an besagtem Abend nicht nur getrunken, sondern auch noch Kokain und Cannabis konsumiert haben will. Hatte er beim Amtsgericht noch eine detaillierte Geschichte dazu abgeliefert, wie der aus seiner Sicht einvernehmliche Geschlechtsverkehr abgelaufen sein soll, so erinnere er sich jetzt an gar nichts mehr.

Die Frau habe angefangen – sie sei es gewesen, die ihn gestreichelt und ausgezogen habe. Wusste er dass vor einem halben Jahr angeblich noch ganz genau, so kam jetzt heraus: Die Geschichte war gelogen. Dass mit den Drogen habe er vor seinen Eltern verbergen wollen – und dass er möglicherweise im Vollrausch einer Frau zu nahe gekommen sein könnte, sollten sie auch nicht wissen.

Derartige Befindlichkeiten kann sich das Opfer der Tat nicht mehr leisten. Nachdem sich die Sache in Heiligenhaus herumgesprochen hatte, war ihr von ihrem Arbeitgeber wegen der befürchteten Geschäftsschädigung gekündigt worden. Schwer traumatisiert, musste die junge Frau wieder zurück in die elterliche Wohnung ziehen. Wegen anhaltender Suizidgedanken ist sie noch immer in psychiatrischer Behandlung.

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