Amtsgericht Wuppertal. Heiligenhauser Buchhaltern zweigte lange Zeit Geld ab

Amtsgericht Wuppertal : Buchhalterin zweigte über Jahre Geld ab

Amtsgericht verurteilt die 68-Jährige wegen Untreue zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Wie hoch die erste Rechnung war, wusste sie noch ganz genau: 75 Euro und 91 Cent. Diesen Betrag buchte eine mittlerweile 68jährige Buchhalterin auf ihr privates Konto. Mehr als zehn Jahre ist das mittlerweile her und es sollten noch derart viele Überweisungen folgen, dass der Staatsanwalt beinahe 20 Minuten brauchte, um die einzelnen Buchungen zu verlesen. Insgesamt waren so knapp 630.000 Euro auf dem Konto der Angeklagten gelandet.

Selbst in Heiligenhaus wohnend, hatte sie dort 27 Jahre in einem ortsansässigen Unternehmen als Bilanzbuchhalterin gearbeitet. Anfangs als zweite Buchhalterin, später sei ihr die Hauptverantwortung für die buchhalterischen Abläufe übertragen worden. In den ersten Jahren sei es unmöglich gewesen, einen solchen Betrug unentdeckt ablaufen zu lassen. „Der damalige Geschäftsführer hat alles penibel kontrolliert“, erinnert sich die Angeklagte. Dessen Nachfolger allerdings seien lockerer mit den Abläufen umgegangen. „Sie haben mir vertraut“, sagt die Buchhalterin über ihre Vorgesetzten, deren Vertrauen sie missbraucht habe.

Angefangen habe alles mit privaten Problemen, unter denen sie seit dem Jahr 2000 zunehmend gelitten habe. Ihr Mann habe ständig Alkohol getrunken und sei nicht zur Arbeit gegangen. Als er irgendwann seine Arbeitsstelle verloren hatte, habe sie allein für den Lebensunterhalt sorgen müssen. Das habe sie als große Belastung empfunden - dazu sei ihr Mann dann auch noch so krank geworden, dass er zu 100 Prozent erwerbsunfähig geworden sei. „Mich hat das alles runtergezogen, ich war sehr niedergeschlagen“, erinnert sich die Mutter zweier erwachsener Kinder.

Und dann habe sie angefangen, alles mögliche zu kaufen. Im Internet oder aus Katalogen bestellte Dinge habe sie irgendwann nicht mehr bezahlen können. Kleidungsstücke, Bügeleisen und Staubsauger: Wenn sie das oder anderes habe kaufen können, hätte sie sich gut gefühlt. Später seien ein Auto und ein Wohnmobil hinzugekommen, das sie mit Anzahlung erworben habe. Für das Auto habe sie dazu noch einen Kredit aufgenommen, den sie mit dem vom Firmenkonto abgezweigten Geld habe tilgen müssen. Auch Urlaubsreisen in die Karibik oder nach Mexiko wurden davon bezahlt. Und drei Küchen, die sie von den veruntreuten Geldern gekauft habe. Auch den Kindern und den Enkelkindern habe sie immer wieder Geld zugesteckt. Woher sie das habe? Danach habe sie nie jemand gefragt.

Beim Überweisen des Geldes auf ihr Konto habe sie sich jedes Mal schlecht gefühlt - als sie jedoch später auf ihre eigenen Kontoauszüge geschaut habe, sei dieses Gefühl schnell wieder vorbei gewesen. Neuanschaffungen planen und realisieren zu können: Das sei ein gutes Gefühl gewesen. Ebenso schnell habe dann aber auch die Ernüchterung eingesetzt: „Wenn ich etwas hatte, habe ich das Interesse daran verloren“, ließ die Angeklagte die Amtsrichterin wissen.

Die wiederum ließ sich erklären, wie die 68-Jährige es über Jahre hinweg vermocht hatte, eine solch große Summe von den Firmenkonten abzuzweigen. Deren Erklärung geriet kompliziert, nur soviel lässt sich dazu sagen: Fingierte Lieferantenrechnungen habe sie nur selten ausgestellt. Stattdessen habe sie deren Rechnungen zweimal bezahlt - zuerst auf ihr eigenes Konto und später nochmals auf das der Lieferanten. Durch verzögerte Fälligkeiten und Buchungen auf Verrechnungskonten habe sie so eine hohe Summe offener Posten vor sich hergeschoben. Aufgefallen war der Betrug erst, nachdem sie - mittlerweile pensioniert - ihre eigene Kontonummer in den Stammdaten der Lieferanten nicht gelöscht hatte. Die neue Buchhalterin hatte so Überweisungen auf das Konto der Angeklagten überwiesen im Glauben, das komme bei den Lieferanten an. Die 68-Jährige leitete die Überweisungen von ihrem Privatkonto auf deren Konto weiter – und dort war man von den Abläufen irritiert. Hinzu kam noch, dass die Frau Buch geführt hatte über die veruntreuten Gelder – in einem im Büro aufbewahrten Ordner mit ihrem Namen und dem Zusatz „geheim“. Durch die veruntreuten 630.000 Euro war auch die Umsatzsteuer der Firma unzulässig verkürzt worden.

Das Urteil gestern: Zwei Jahre und sechs Monate Haft.