Ratingen: Als die Turmuhr von Lambertus streikte

Ratingen: Als die Turmuhr von Lambertus streikte

Arbeiter kamen zu spät, Verabredungen platzten. Nach 50 Jahren des Hin und Her zahlte die Gemeinde die Reparatur.

Nun haben wir es schwarz auf weiß: Die Mettmanner haben eine Seele. So jedenfalls steht es in einem der alten Ratsprotokolle. Gezählt wurden vor beinahe 200 Jahren sogar mehr als 5000 Seelen, inmitten von 342 Schweinen und 14 störrischen Eseln. Letztere müssen sich zwischenzeitlich offenbar in den Ratssaal verirrt haben. Denn auch das ist auf Papier verewigt: Die Turmuhr von St. Lambertus hatte ihren Geist aufgegeben. Im Städtchen ging deshalb alles drunter und drüber, weil niemand mehr wusste, was die Stunde geschlagen hatte.

Das älteste Ratsprotokoll stammt von 1833: Penibel ausgerichtet und von Hand geschrieben. Foto: Maguire

"Es gibt vielfache Inconveniencen für das gesamte Publikum", wird in der "Medamana" aus alten Ratsprotokollen zitiert. Arbeiter seien zu früh oder zu spät gekommen, Verabredungen seien gescheitert: Besagte Unbequemlichkeiten hatten augenscheinlich längst das Maß des Erträglichen überschritten. Und dennoch zierten sich die Gemeinderatsmitglieder beim Griff in die Stadtkasse wie störrische Esel. Man wolle nicht Geld für die Katholiken in die Hand nehmen, weil man als Atheist von deren Glockengebimmel nichts habe.

Die Obmettmanner wollten nicht zahlen, weil sie die Uhr nicht sehen konnten. Die Protestanten wiederum hatten gleich abgewinkt. Das Kirchenläuten gehe nur die katholischen Glaubensgemeinschaften etwas an. Und Beerdigungen seien ohnehin Privatsache. So nahm das Unheil über Jahre hinweg seinen Lauf. Die Turmuhr wurde zum Zeugnis einer zerstrittenen Gemeinde. Etliche Beschlüsse des Gemeinderates, für die Uhr ins Stadtsäckel greifen zu wollen, wurden bei der nächsten Zusammenkunft gleich schon wieder verworfen. Der Landrat, die Bezirksregierung und dann auch noch der Minister für geistliche Angelegenheiten: Allerorten hatte man sich mit der leidigen Geschichte zu befassen. Die Turmuhr war längst zum Politikum geworden und erregte im Städtchen die erhitzten Gemüter.

Damals die Turmuhr und heute die Neandertalhalle? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Es gab sie eben auch damals schon, diese Geschichten, mit denen geduldiges Papier beschrieben wird, ohne das man zum Ende kommt. Aber es gibt berechtigten Grund zur Hoffnung: Nach 50 Jahren war der Uhrenstreit vom Tisch. Man hatte sich geeinigt, die Gemeinde beteiligte sich mit 500 Mark daran, dass die Zeiger endlich wieder auf dem Ziffernblatt kreisten. Selbstverständlich ging das nicht, ohne dass die hohen Herren vom Gemeinderat ein Wörtchen mitzureden hatten. Einfach nur reparieren? Das hätte wohl dem sprichwörtlichen Gesichtsverlust geglichen. Also musste die Turmuhr auf Geheiß der Stadtoberen nun auch noch zu den Viertelstunden schlagen.

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Vermutlich hatte sich in einem halben Jahrhundert auch so manches geändert, was den Umgang mit der Zeit betraf. Fortan wurden die Mettmanner also im 15-Minuten-Takt durch die Stadt getrieben. Und alles nur, weil im Rathaus ein paar störrische Esel saßen, die am Ende als Sieger aus dem Ring steigen wollten. Dass man im Kleingedruckten die Katholiken auch noch dazu verpflichtet hatte, immer die Bahnhofsuhr im Auge zu behalten, gerät da schon beinahe zur kuriosen Fußnote. Die Bahn gibt den Takt vor und die Kirche muss folgen: Hoffentlich ging wenigstens das damals gut.

Ach ja, zwischendrin hatte man auch noch über den Antrag des Bürgermeisters zu beraten, der gerne jeden Monat ein paar Taler mehr in seinem Geldbeutel gehabt hätte. Selbstverständlich gab es dafür genug Gründe. Dabei schlug vor allem die zunehmende Arbeit zu Buche. 3851 statt der geplanten 3400 Dienstsachen pro Jahr: Das konnte der gute Mann unmöglich ohne einen zusätzlichen Bürogehilfen schaffen. Die Ratsherren zahlten und schwiegen.

Bei der Debatte um Reparaturarbeiten an der Mühlenstraße machten sie hingegen kurzen Prozess: Das sei Angelegenheit der Anwohner, die deshalb auch selbst Geld in die Hand nehmen müssten. Allerdings hatten auch Kronprinzen mit ihren Bettelbriefen keine Chance. An der Stiftung seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, die sich für die Hinterbliebenen von Kriegsopfern einsetzte, konnte und wollte man sich nicht beteiligen.

(RP)
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