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Ratingen: Als Arbeit das ganze Leben war

Ratingen : Als Arbeit das ganze Leben war

Von Urlaub konnte noch keine Rede sein, als der Industriepionier Johann Gottfried Brügelmann 1783 Cromford gründete, die erste Fabrik auf dem Kontinent. Reisen waren für ihn meistens Geschäftsreisen. Und seine Arbeiter schufteten von Montag bis Samstag mit täglich zwei Stunden Pause.

Alle Tage Sonnenschein –so oder ähnlich stellen sich wohl die meisten ihren Urlaub vor. Davon ist derzeit wenig zu merken. Ärgerlich, wenn man dann noch den Urlaub beim Chef nicht durchbekommt oder sich eine scheinbare Fluchtmöglichkeit in die Sonne als Touristenfalle entpuppt. Wer sich über so etwas ärgert, sollte sich einfach mal in Zeiten zurückversetzen lassen, in denen Arbeiter von so etwas wie Urlaub nur träumen konnten. Das LVR-Industriemuseum Cromford bietet diese Möglichkeit der Zeitreise – aber die Suche nach Spuren von Urlaub und Freizeit ist hier völlig aussichtslos.

Kinderarbeit war Alltag

"So etwas kannten die Arbeiter zur Zeit der Frühindustrialisierung gar nicht", erklärt Elena Leonhardt. Freiberuflich führt sie Neugierige durch die 1783 gegründete Textilfabrik und das anliegende Herrenhaus des Industriepioniers Johann Gottfried Brügelmann. In der fünfstöckigen Baumwollspinnerei arbeiteten vornehmlich Kinder. "75 Prozent der 226 Fabrikarbeiter waren zwischen acht und zwölf Jahre alt. Für Fabrikarbeit waren sie besonders gut geeignet, da sie sich leichter zwischen den dicht gedrängten Maschinen bewegen konnten."

Ihre Arbeitsfläche sei auf 70 Zentimeter begrenzt gewesen. "Die Tagelöhner arbeiteten von sechs bis 20 Uhr unter schwersten Bedingungen. Und das von Montag bis Samstag. Es gab zwei Stunden Pause am Tag", so Leonhardt weiter. Damals habe sich noch niemand um die Verbesserung schlechter Arbeitsbedingungen gekümmert. "Erste Debatten um Kinderarbeit wurden erst um 1820 laut. Eine konsequente allgemeine Schulpflicht gab es damals auch nicht." Undenkbar sei es für viele gewesen, die eigenen Kinder in die Schule zu schicken: "Wer zur Schule ging, konnte nicht arbeiten. Viele Familien waren aber auf die Einkünfte ihrer Kleinsten angewiesen", erklärt Leonhardt weiter. Die Einsicht, dass Arbeiter Kapital eines Unternehmens sind, das es zu schützen gilt, kam erst mit Konkurrenzbetrieben. Als Monopolisten mussten sich die Brügelmanns wohl kaum Sorgen machen, dass ihnen die Arbeiter weglaufen. Museumsleiterin Claudia Gottfried hilft dabei, sich die Größenordnungen damaliger Löhne vorzustellen: "Sophie Brügelmann, Fabrikleiterin in zweiter Generation, galt als sparsam. Doch ab und zu bestellte sie feine Backwaren aus Köln. Was dabei bezahlt wurde, kam dem Jahreseinkommen ihres Kutschers gleich. Und dieser verdiente immer noch weitaus mehr als die Fabrikarbeiter."

Den schwer Arbeitenden fehlte es also gleichermaßen an Zeit und Geld für Freizeitgestaltung. Die andere Seite der Medaille wird im nur wenige Meter Luftlinie entfernten Herrenhaus der Brügelmanns dargestellt. Claudia Gottfried erzählt, wie das neue Bürgertum sich zum Teil an den Gepflogenheiten des Adels orientierte und sich Hobbys wie das Jagen zu eigen machte. "Man begeisterte sich für alles, was unter den Begriff 'Geselligkeit' fiel. Die Brügelmanns führten private Theatervorstellungen auf und widmeten sich der Literatur." Beliebte Lektüre in der damaligen Zeit seien vor allem Reiseberichte gewesen. "Bevor Sie eine Reise unternehmen, machen Sie ihr Testament – das war meist der erste Ratschlag eines solchen Berichts", sagt Gottfried. Eine Reise sei ein gefährliches Unterfangen und deshalb oft zweckgebunden gewesen. Niemand habe auch nur im Entferntesten an einen Strandurlaub gedacht. "Allerdings wurden damals auch erste romantische Reisen unternommen. Es galt, die Welt zu erkunden."

Großes Vorbild könnten dabei Goethes Reiseschilderungen gewesen sein. "Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen", soll er einst gesagt haben. Eine gesunde Einstellung, wenn man sich die damalige Reisegeschwindigkeit vor Augen führt: "Eine Kutsche bewegte sich nicht schneller fort als mit Schrittgeschwindigkeit", weiß Elena Leonhardt. Wie klein erscheinen da heutige Sorgen.

(tobo)