Ratingen : Impfzentrum: Fachkräfte beschimpft

Die Verunsicherung unter Bürgern ist groß. Ärzte und Helfer müssen die Folgen der sich ständig ändernden Bestimmungen ausbaden und viel Kritik einstecken. Man sei der Prellbock und bekomme den Unmut der Impflinge ab.

Wer blickt da noch durch? Nahezu täglich ändern sich die Rahmenbedingungen. Und so geht das momentane Gezerre ums Impfen in die nächste Runde. Letzter Stand der Dinge ist: Jeder, der will, soll sich impfen lassen können. Denn Gesundheitsminister Jens Spahn will für die Coronaschutzimpfungen mit dem Vakzin Astrazeneca die Priorisierung aufheben. Die Verunsicherung bei Bürgern ist groß.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich impfen lassen soll“, sagt Karla Schmitt total verunsichert. Sie ist impfwillig, „das Wichtigste ist doch: Hauptsache geimpft“. Aber erst geriet Astrazeneca in Verruf, jetzt ist es „plötzlich toll, ich weiß nicht, was ich noch glauben soll“. Ganz pragmatisch geht Frank Winja die Sache an: „Ich würde jeden Impfstoff nehmen, Hauptsache ist: Ich werde geimpft.“ Über das Wirrwarr, das die Politik auslöst, kann er nur lachen. „Da scheint die eine Hand nicht zu wissen, was die andere tut“, betont der 60-Jährige. „In anderen Ländern scheint das Thema besser umgesetzt zu werden“, meint er.

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Auch der Abstand zwischen erstem und zweitem Impftermin soll neuerdings flexibler gestaltet werden. „Was denn nun?“, fragt Dietmar Schwarz. „Dann waren die Bestimmungen, die vorher galten, bloß Quatsch?“

Die Verunsicherung ihrer Patienten bekommen die Ärzte im Impfzentrum Erkrath tagtäglich zu spüren, wie Thomas Nasse, einer der ärztlichen Leiter des Impfzentrums, berichtet. „Wir sind der Prellbock und bekommen den Unmut der Impflinge ab“, beschreibt er die Reaktion der Leute auf die sich ständig ändernden Bestimmungen aus der Politik.

Im Bemühen, ihre Patienten „bestens zu versorgen“, werden die Ärzte ebenso wie Helfer hemmungslos beschimpft. „Wir sind die Bösen und baden an vorderster Front aus, was die Politik einfädelt“, sagt der Arzt. „Ich habe großes Verständnis für die Verunsicherung und den Unmut“, die sich so oft von der Politik ändernden Vorgaben „lassen sich schwer bis gar nicht erklären“.

Denn ausgearbeitete Konzepte sowohl zur Impfstoffbestellung wie auch zur Impfung selbst würden damit auf den Kopf gestellt. Einbestellte Impflinge würden nachfragen, „warum bekomme ich ‚nur’ Astrazeneca und nicht das gute Biontech“, berichtet er aus dem Alltag. Heftige Debatten bis zu Anfeindungen sind nicht selten.

Gabriele Glücks, kürzlich noch empört über das Chaos rund ums Impfzentrum, findet nun „nichts als lobende Worte“. Der erste Termin zur Impfung platzte, „aus dem Impfzentrum kam ein Anruf zur Neuverabredeung“, berichtet sie begeistert.

Seit auch die Hausärzte gegen Corona impfen, hat sich die Quote derer verdoppelt, die ihren Impftermin in Erkrath nicht antreten. Die „No-Show-Quote“ heißt das intern bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Zahl ist in Erkrath von anfangs zwei, manchmal drei Prozent der Impflinge pro Tag auf über sieben Prozent angestiegen.

Dass damit Impfstoff übrig bleibt, scheint den Leuten egal zu sein. „Deshalb haben wir die herzliche Bitte: Sagen Sie Impftermine ab, die Sie nicht brauchen!“, appelliert die Sprecherin des Kreises, Daniela Hitzemann, an alle, die nicht kommen können. Das Zentrum führte zuletzt Wartelisten mit Menschen aus Risikogruppen, Angehörigen von Schwangeren, Menschen, die Senioren betreuen, und jenen aus gefährdeten Berufsgruppen oder mit Vorerkrankungen. Da wird dann angerufen und gefragt, ob man Zeit hat, spontan zu kommen.