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Lintorf: Abenteuer Südafrika

Lintorf : Abenteuer Südafrika

Nach knapp 14 Jahren verlässt Michael Diezun die Evangelische Kirchengemeinde Lintorf-Angermund. Zum 1. September wird der Pfarrer die Evangelischen Gemeinden Midrand und Kelvin in Johannesburg übernehmen.

Er hat so entschieden. Ja, er will es so. Es ist ein Neuanfang, eine Neuorientierung. Vieles kommt da zusammen, vieles bricht herein. Und manchmal beschleichen ihn noch zarte Zweifel, ob denn alles so richtig ist, was er da tut. Michael Diezun zieht weg. Knapp 14 Jahre hat er als Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Lintorf-Angermund gearbeitet, zusammen mit den Menschen gebetet, gelitten, gelacht, gelernt und insgesamt viel Freude erlebt.

Nun rücken die Termine näher: In diesen Tagen geht es ans behutsame Entrümpeln. Er muss bestimmen, was er mitnimmt, was er wegwirft. Umbruch, Aufbruch, ja auch Abbruch. Bis zum 21. Juli muss er die Dinge in einem Container verstaut haben. Von Bremerhaven aus werden die persönlichen Sachen nach Südafrika gebracht. Am 29. August steigt Diezun in den Flieger. Am 1. September tritt er seinen neuen Dienst in den Evangelischen Gemeinden Midrand und Kelvin in Johannesburg an.

Zunächst sechs Jahre

Er hat so entschieden. Ja, er will es so. Die Kinder sind aus dem Haus. Im vergangenen Jahr haben sich Diezun und seine Frau getrennt. Der 50-Jährige geht offen mit diesem Thema um. Ja, Aufbruch, Umbruch, Neuorientierung. Diezun wird für die nächsten sechs Jahre in Südafrika arbeiten, von der Evangelischen Kirche im Rheinland entsandt, mit einer Option auf Verlängerung.

In Deutschland ist Diezun eine Stelle sicher, die in Lintorf wird neu besetzt. Man zieht ihm also nicht den Boden unter den Füßen weg. Der Marathonläufer weiß das. Er ist aufgeregt und gespannt: Abenteuer Südafrika. Er war schon dort, hat sich vorgestellt und einen ersten Eindruck bekommen.

Klare Ansage: Im Land herrscht Aufbruchstimmung. "Südafrika ist wie Brasilien, Indien und China eines der aufstrebenden Schwellenländer, die politisch und wirtschaftlich den Ehrgeiz haben, Anschluss an Europa und die USA zu bekommen", erzählt der Pfarrer, der sich im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann für die Partnerschaft mit den Kirchengemeinden im Kongo engagiert und Reisen nach Mittelafrika unternommen hat.

In Johannesburg warten auf ihn neue Herausforderungen. Beispiele: Englischsprachige Schwarze leben in einer deutschsprachigen, von deutschen Einwanderern gegründeten Kirche. Traditionelle afrikanische Lieder treffen auf die europäische Tradition der Kirchenmusik. Bitte Bach, Haydn, Fauré, Mendelssohn – das will man künftig verstärkt hören.

Da gibt es laut Diezun wohlhabende Geschäftsleute, die sich im globalen Business behaupten und Menschen, die sonntags den Geruch der Holzkohlefeuer aus dem Homeland in die Kirche tragen. Und da sind eine lutherische Bischofskirche und eine Gemeinde, die darauf besteht, ihren Pfarrer in einer Gemeindeversammlung zu wählen. "Wie es im Land der Reformation nur noch in reformierten Gemeinden Ostfrieslands üblich ist", umschreibt Diezun.

"Die Gemeinde Midrand wurde vor elf Jahren in einer weißen lutherischen Kirche von Schwarzen gegründet", erzählt der Pfarrer, der in Hamburg geboren wurde und in Düsseldorf sein Abitur machte. Midrand sei eine junge Gemeinde mit 480 Mitgliedern, "die ihren Pfarrer selbst bezahlen können und von denen 200 sonntags im Gottesdienst sind", erklärt Diezun.

Die Gemeinde wurde in einer Garage gegründet und hat dann einen Pferdestall zum Gemeindesaal umgebaut. Nun ist der Bau einer Kirche mit Gemeindesaal und Nebenräumen geplant. Ja, es herrscht Aufbruchstimmung. Diezun wird in einem Haus wohnen und bekommt einen Wagen gestellt. Das Thema Sicherheit spielt eine Rolle. Doch er lässt sich nicht verrückt machen. Er wird laufen. Lange Distanzen, klar. Er wird die Gegend kennenlernen.

Und was bleibt von Lintorf? "Die Lebensgeschichten der Menschen", betont er, "vor allem die mit Höhepunkten von Glück und Liebe, aber auch mit Wunden und Brüchen." In seelsorgerischen Gesprächen, bei Taufen, Beerdigungen und Trauungen, haben ihm die Menschen viel erzählt. Gottesdienste sowie Konfirmanden- und Jugendarbeit kamen hinzu. Diezun hat vieles in Büchern festgehalten. Die nimmt er mit und legt neue Werke in Johannesburg an.

Individuelle Abschiedstour

Der Theologe will nicht mit großen Feierlichkeiten gehen. Er begibt sich auf individuelle Abschiedstour innerhalb der Gemeinde. Seine letzten Gottesdienste hält er am Sonntag, 17. Juli, und am Sonntag, 14. August. Und mit den Konfirmanden und deren Eltern fährt er am Samstag, 16. Juli, in den Landschaftspark Duisburg zum Klettern und zum Picknick.

Nun freut er sich aufs Abenteuer Südafrika. "Ja, ich bin glücklich", sagt er eher nebenbei und wirft ein: "Nur mein Englisch muss noch besser werden. Ich werde ja den ganzen Tag über Englisch sprechen."

(RP)