Radevormwald: Zurück bleiben Beklemmung und Hilflosigkeit

Radevormwald: Zurück bleiben Beklemmung und Hilflosigkeit

Das Westfälische Landestheater zeigt im Bürgerhaus das Stück "Undercover Dschihadistin". Der Geschichte ist aktueller denn je.

Eigentlich wissen die Zuschauer an diesem Abend, was auf sie zukommt. Es ist schwere Kost. So aktuell, dass man nicht umhinkommt, eigene Fragen mitzubringen. Politisch und gesellschaftlich so brisant, dass es Zeit wurde, das Thema auf die Bühne zu bringen. Junge Frauen aus Europa knüpfen im Internet Kontakt zu Kämpfern des IS. Sie lassen sich begeistern, umschwärmen, manchmal verlieben sie sich und dann machen sie sich auf den Weg nach Syrien - um Ehefrauen zu werden, um zu kämpfen, um den Dschihad, den "Heiligen Krieg" zu unterstützen.

Die Geschichte, die Neven Nöthig, Mirka Ritter und Andreas Kunz vom Westfälischen Landestheater auf die Bühne im Bürgerhaus brachten, war noch etwas vielschichtiger - nicht nur, weil sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Das Stück "Untercover Dschihadistin" erzählt die Geschichte der französischen Journalistin Anna Erelle, die sich einer Reportage zuliebe auf einen Internetkontakt mit Abi Bilel einlässt, einem ranghohen Offizier des sogenannten Islamischen Staats. Dafür schlüpft sie in die Rolle des Mädchens "Mélodie". Der Zuschauer wird Zeuge, wie der erste Kontakt über Facebook entsteht, wie sie schließlich eine erste Unterhaltung über Skype führen. Es beginnt mit einer Stimme aus dem Off, bevor Abu Bilel auf einem großen Bildschirm auch ein Gesicht bekommt. Die Journalistin ist empört, angewidert und wittert doch eine große Geschichte. Ihr Freund warnt, sorgt sich, will sie zurückhalten. Aber sie will die Masche des IS aufdecken, will den Familien helfen, die ihre Kinder an die Terrororganisation verloren haben.

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Währenddessen gerät das Mädchen Mélodie immer weiter in den Bann des Kämpfers. Dass es Mélodie eigentlich nicht gibt, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Denn immer mal wieder schlüpft Schauspielerin Mirka Ritter wie stellvertretend in die Rolle all jener jungen Mädchen, die in den Bann geraten. Zerrüttete Familien, Perspektivlosigkeit im grauen Alltag, fehlende Bezugspersonen und Mobbing: Die Mädchen sind angreifbar. Und so wie Abu Bilel der jungen Mélodie das Paradies verspricht, Perspektiven, Reichtum und Bedeutung, so geschieht es in Europa jeden Tag.

Die Journalistin macht sich schließlich auf den Weg in Richtung Syrien, fährt nach Amsterdam, will von dort das Flugzeug in die Türkei nehmen. Aber sie macht einen Fehler: Sie benutzt ihr privates Handy, wird von der Redaktion zurückgerufen und fliegt auf. Anna Erelle bekam eine neue Identität und Polizeischutz, brachte ihre Geschichte als Buch heraus. Das weiß der Zuschauer alles - eigentlich. Und doch gerät er in diesen Sog. Irgendwann kann er das Skype-Klingeln nicht mehr hören, die immer aggressivere Stimme des Kämpfers kaum ertragen, der Zuschauer fühlt sich immer unwohler. Am Ende sitzt der Dschihadist auf dem roten Sofa - zum ersten Mal betritt er die Bühne. Ein kurzer Lichtkegel, dann fällt der Vorhang. Zurück bleibt absolute Beklemmung.

(resa)