Ansichtssache: Was für und was gegen das Baugebiet Karthausen spricht

Ansichtssache : Was für und was gegen das Baugebiet Karthausen spricht

Die ersten Pläne für die neue Siedlung wurden in dieser Woche der Politik vorgestellt. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche zeigten sich sehr angetan, andere waren erschrocken über den Umfang des geplanten Baugebietes.

Wo jetzt noch grüne Felder liegen, östlich der Ortschaft Karthausen, soll bald Stück für Stück eine neue Vorstadtsiedlung hochgezogen werden. Vor allem Häuslebauer sollen hier ihren Traum vom Leben auf dem Land verwirklichen. Im jüngsten Ausschuss für Stadtentwicklung zeigte ein Planungsbüro die ersten Entwürfe. Danach war klar: Es geht nicht um eine Arrondierung. Radevormwald würde einen ganz neuen Stadtteil bekommen.

Diese Aussicht finden manche erfreulich, andere furchtbar. Die Befürworter verweisen darauf, dass viele Menschen, vor allem Familien, ein Eigenheim bauen möchten und dafür in Rade keinen geeigneten Bauplatz finden. Wird kein Platz geschaffen, dann verwirklichen sie ihren Traum halt in einer der Nachbarstädte. Rade verlöre dann Bürger, Steuerzahler, Kita- und Schulkinder.

Die Gegner möchten nicht, dass wieder ein großes Stück Landschaft unter Häusern und Straßen verschwindet. Sie sind der Meinung, dass im Ortskern von Rade genug Leerstände auf neue Bewohner warten. Sie möchten nicht, dass Rade an der Peripherie von schmucken Schlafsiedlungen umgeben ist, während der Ortskern herunterkommt.

Beide Seiten haben gute Argumente. Kein Zweifel, der Wunsch nach dem Eigenheim im Grünen sitzt in der deutschen Seele so fest wie die Mütze auf dem Kopf des Gartenzwergs. Der Bedarf ist da, die ersten Wartelisten liegen laut der Verwaltung schon vor, und wenn Rade nicht reagiert, könnte es solvente Bürger verlieren.

Doch auch die Gründe der Gegner sind nachvollziehbar. Die schöne Landschaft ringsum trägt zur Lebenqualität der Radevormwalder bei. Wer ein weiteres großes Stück davon opfern möchte, sollte es sich gut überlegen. Es geht ja nicht nur um Häuser, sondern auch um den Straßenverkehr. Die L 81 von Herbeck bis zur Einfahrt nach Honsberg ist schmal, erst ab dort wird sie zweispurig markiert. Muss dieser Straßenabschnitt etwa erweitert werden? Auch das sind Fragen, die berücksichtigt werden müssen.

Gerd Uellenberg, der CDU-Fraktionsvorsitzende, hat in der Ausschuss-Sitzung eine wichtige Frage gestellt: "Wer entscheidet, wann es genug ist?" Das ist tatsächlich der Punkt. Wer sich den Traum vom Haus auf dem Land erfüllt hat und vom Wohnzimmerfenster aus den Ausblick genießt, der wird sich kaum freuen, wenn der Nächste in der Blickachse zu bauen beginnt. Jeder möchte gern am Busen der Natur sein Haus errichten, danach aber am liebsten unterbinden, dass es noch jemand anderes tut.

Die Diskussion steht noch am Anfang, die Entwürfe, die nun präsentiert wurden, sind bestimmt nicht das letzte Wort. Es lohnt sich, diese Debatte gründlich und mit Verständnis für die Argumente der Gegenseite zu führen. Denn richtig ist: Junge Familien wird man kaum bewegen können, einen Leerstand im Stadtkern ihrem Traum von der grünen Idylle vorzuziehen. Und ebenso richtig ist: Wenn eine Fläche versiegelt und bebaut ist, dann ist sie für die Natur verloren. Die Vorstellung, dass bei Karthausen eine Siedlung voller Schottergärten entsteht, in denen weder Vogel noch Insekt eine Bleibe finden, ist nicht gerade erhebend. Eine umsichtige Planung könnte dafür sorgen, dass es auch in Zukunft grüne, naturnahe Flächen vor Ort gibt. Dann würden sich vielleicht auch die Gegner mit dem Gedanken des neuen Karthausen anfreunden.

(s-g)