Was alte Gräber in Radevormwald erzählen

Thema: Reformierter Friedhof in Radevormwald : Was alte Gräber erzählen

Ein Rundgang über den Friedhof der reformierten Gemeinde, der bereits im Jahr 1866 angelegt wurde.

Es heißt, der Tod mache alle Menschen gleich. Aber wenn es um den Platz geht, wo der Tote ruhen darf, gibt es doch noch Unterschiede. Auf dem protestantischen Friedhof von Radevormwald sind reformiert und lutherisch im Tode getrennt – auch wenn die Lebenden längst über eine Fusion der Gemeinden nachdenken.

„Von der Kaiserstraße bis zum Wasserbecken ist der reformierte Teil“, erklärte Eduard Otter. Der ehemalige Presbyter der reformierten Kirchengemeinde und seine Frau sind an diesem Samstag auf den Friedhof gekommen, um Besuchern dessen Historie nahezubringen. Denn der Friedhof hat eine lange Geschichte. Im Jahr 1866 wurde er angelegt. „Damit gehört er zu den ältesten Friedhöfen der Stadt“, sagt Otter. Einst seien die Toten vor den Toren der alten Stadt Radevormwald beerdigt worden, „etwa im dem Bereich zwischen der Hohenfuhrstraße und dem heutigen Freizeitbad ,life-ness’.“ Dieser Friedhof bestand noch weit bis ins 20. Jahrhundert, erst in den 1940er Jahren liefen dort die Ruhezeiten aus.

Die Birkenallee am Friedhofseingang von der Kaiserstraße. Foto: Stefan Gilsbach

Also ist der jetzige Friedhof vergleichsweise „neu“, doch die Patina der rund 150 Jahre, die vergangen sind, seit er angelegt wurde, sind unübersehbar. Das älteste erhaltene Grab stammt aus dem Jahr 1868. Auf ihm ist der Name Ludwig Rocholl eingemeißelt. Rocholl – dieser Name begegnet dem Besucher des Friedhofs auf Schritt und Tritt. Die Familie war durch jene Schlossfabrik wohlhabend geworden, deren Name sich heute noch im Namen der Schlossmachergalerie wiederfindet. An mehreren Stellen finden sich große Familiengrabstätten, wo die Angehörigen der Fabrik-Dynastie ihre letzte Ruhe fanden.

Eduard Otter an einem der ältesten Grabsteine in Form eines Obelisken. Foto: Stefan Gilsbach

Eine dieser Anlagen ist so versteckt, dass die meisten an ihr vorbeigehen würden, ohne sie zu bemerken. Die Otters schließen eine Zauntür auf, die zu einer von Gebüsch eingerahmten Begräbnisstätte mit Grabplatten führt. „Wir mussten die Anlage sichern, weil es Fälle von Vermüllung gab“, sagt Karin Otter.

Blick in das Innere der Friedhofskapelle. Das Bauwerk wurde in den Jahren 1874 und 2002 erweitert. Foto: Stefan Gilsbach

Die alten Steine auf dem Friedhof sind natürlich die eindrucksvollsten Zeugen der Vergangenheit. Die reformierte Kirchengemeinde hat im Jahr 2013 auf einem Wiesenstück nahe der Kaiserstraße die Anlage „Steine des Gedenkens“ eingeweiht. Rund 20 alte Grabsteine sind dort zu sehen. Besucher können sich mit Broschüren, die dort in einem Fach bereitstehen, über die Zeugnisse der Vergangenheit informieren. Neben Rocholl tauchen andere alte Namen auf: Dahlhaus, Garschagen, Knefel, Langensiepen, Benrath, Lanzmann, Brenger, Schlieper, Theis. . .

Der Name Rocholl begegnet dem Besucher an vielen Stellen. Foto: Stefan Gilsbach

Karin und Eduard Otter können beinahe zu jedem Grab etwas erzählen. Kein Zweifel, dieser Friedhof und sein Zustand liegt ihnen am Herzen. Im Erzählen bücken sie sich dann und wann und heben einen Ast oder ein Stück Abfall auf, das vermutlich der Wind von der Straße hierher geweht hat. Denn von Müll, den achtlose Zeitgenossen hinterlassen, ist so gut wie nichts zu sehen auf diesem Friedhof. Die Otters gehören zu einer Gruppe von rund 15 Ehrenamtlern, die dieses Stückchen Erde pflegen. Und diese Mühe sieht man ihm an.

Der Friedhof hat einen abwechslungsreichen Baumbestand. Foto: Stefan Gilsbach

Wer von der Kaiserstraße die schöne Birkenallee hinaufgeht, gelangt zum Tor der Friedhofskapelle. Weiß leuchtet sie hervor aus den großen, dunklen Bäumen, die sie flankieren. Die Kapelle wurde im Jahr 1899 errichtet. 1974 und 2002 wurde sie erweitert. Im schlichten Innenraum fällt eine Gedenktafel für die Toten des Ersten Weltkriegs ins Auge.

Doch die Ruhestätte der reformierten Gemeinde ist durchaus kein Museum. Sehr alte und ganz neue Gräber liegen hier nebeneinander. Die neuen Entwicklungen in der Begräbniskultur hat die Verwaltung aufgenommen. Es gibt inzwischen eine Gemeinschaftsgrabanlage für Urnenbeisetzungen „Unter Bäumen“. Viele Menschen möchten heutzutage einen solchen Ruheplatz. Doch auch eine neue Anlage für die traditionelle Erdbestattung gibt es. „Hier werden wir beide einmal ruhen“, sagt Eduard Otter und zeigt die Stelle.

An diesem sonnigen Frühherbsttag wirkt die Anlage stimmungsvoll. Unter alten Baumriesen können Besucher Schatten suchen. Kleine Vögel fliegen von Ast zu Ast. Friedhöfe gelten neben ihrer eigentlichen Bestimmung auch als Rückzugsort für Tiere. Und wenn jemand diesen schönen alten Friedhof einfach nur besucht, um in Ruhe auf einer Bank zu sitzen und Besinnung zu suchen – dann hätten jene, die hier liegen, sicher nichts einzuwenden.