1. NRW
  2. Städte
  3. Radevormwald

Radevormwald: Vor 25 Jahren über Prag in die Freiheit

Radevormwald : Vor 25 Jahren über Prag in die Freiheit

Heute kehren Elke und Dieter Lotze an einen besonderen Ort zurück. Mit Freunden besuchen sie die Prager Botschaft. Von dort fuhren sie am 4. Oktober 1989 per Bus zum Bahnhof. Dann reisten sie mit dem Sonderzug nach Westen aus.

Im Westfernsehen verfolgten Elke (57) und Dieter Lotze (55) am 30. September in Leipzig die Ereignisse, als Bundes-Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Zugweg in die Freiheit ebnete. "Das war für uns beide der richtige Zeitpunkt zu sagen, wir tun es", sagt Elke Lotze. Es beginnt, wie sie später erfahren, ein Wettlauf mit der Zeit.

Freunde bringen sie am 3. Oktober nach Prag. Kurz nach dem Grenzübertritt macht die DDR die damalige Grenze zur damaligen Tschechoslowakei dicht. In Prag schaffen sie es auf das Botschaftsgelände und müssen nachts in Eiseskälte draußen ausharren, weil nur Kinder ins Haus dürfen. Heute vor 25 Jahren stiegen sie zuerst in Stasi-Busse, dann in einen DDR-Zug, der einige Stunden in der DDR anhielt, bevor sie in Hof die Freiheit erreichten. "Auf den Gleisen hatten wir Angst, sie holen uns aus dem Zug", sagen beide.

25 Jahre danach sind Lotzes mit sechs besten Freunden heute in Prag, um sich zu erinnern, aber auch die neu begründeten Freundschaften zu feiern. "Die Idee, über den Tag der Einheit nach Prag zu fahren, kam von Elke Berke, meiner besten Freundin", sagt Elke Lotze. Während die Reise damals mit dem Trabbi ging, ist es jetzt das Flugzeug. "Elke war 1998 schon mal in Prag, ich seit 1989 nicht", sagt Dieter Lotze. Darüber gesprochen zu fliehen, hatte das Ehepaar mehrfach, einen Ausreiseantrag aber wegen der zu erwartenden Repressalien am Arbeitsplatz und der Ungewissheit, was passiert, nicht gestellt.

Nach dem 30. September erklärte das Ehepaar kurz entschlossen den Arbeitskollegen und Freunden, sie würden an die Ostsee fahren, um ein Ferienobjekt zu kaufen und sich dort vorzustellen. Die Möbel und andere Sachen wie der fast neue Fernseher wurden Verwandten und Freunden vermacht. Nur ganz wenige Familienmitglieder weihten sie ein. "Wir wollten nicht, dass etwas aus der Wohnung der Stasi in die Hände fällt", erklärt Elke Lotze.

Zurück ließensie Geschwister und Eltern. "Dass wenige Wochen später am 9. November die Mauer fiel, das konnte zu diesem Zeitpunkt keiner ahnen", sagt Dieter Lotze. "So richtig begriffen haben wir das am Abend des 9. November auch nicht, erst am nächsten Tag", ergänzt seine Frau.

Bereut haben beiden den Schritt nicht, obwohl der Anfang ohne den Rest der Familie und die Freunde besonders emotional sehr schwierig war. "Als wir gingen, hätte das endgültig und für immer sein können", sagt Elke Lotze und ergänzt: "Das kann sich heute wohl fast keiner mehr vorstellen." Über Verwandte kamen sie zuerst danach Wuppertal, wenige Monate später nach Radevormwald. "Wir bekamen beide noch im Oktober 1989 eine feste Arbeitsstelle, auch haben uns Verwandte und deren Freunde bei der Wohnungseinrichtung sehr unterstützt", sagt Elke Lotze in der Rückschau. Eine Rückkehr in die alte Heimat stand nach dem ersten Besuch schon 1989 zu Weihnachten nicht zur Debatte. "Obwohl die West-Orientierung als Elektriker im Beruf sehr viel Neues brachte, auch mussten wir Spötteleien wegen der Sprache über uns ergehen lassen", ergänzt Ehemann Dieter. Emotionaler Wendepunkt für beide war die Fahrt mit den TSV-Handballern im April 1991 zum Turnier ins spanische Callela. "Da haben wir Freundschaften geschlossen, die bis heute halten", sagt Elke Lotze.

Die 57-Jährige hat nie einen Blick in ihre Stasi-Akten geworfen, auch aus Angst zu erfahren, wer aus der Familie, von den Arbeitskollegen oder Freunden spioniert hat. "Ich habe irgendwann beschlossen, das bringt mich nicht weiter. Jeder muss aber mit sich ins Reine kommen", sagt sie bestimmt. Und stellt oft fest, dass es eine große Unkenntnis über die Zeit vor und während der Wende gibt, "und leider manchmal auch großes Desinteresse". In den Schulen müsse das Thema viel präsenter sein. "Die Jungen müssen wissen, was in der damaligen Zeit passiert ist", sagt Elke Lotze. Erst wenn Leute zufällig von der Flucht erführen, hieße es: Erzähl doch mal.

Vor der jetzigen Tour haben beide mit Spannung auch im Fernsehen auf Prag geblickt. Es ist deshalb ein Muss, heute zum Botschaftsgelände zu gehen, sich zu erinnern und auch zu sehen, ob heute an die Zeit von vor 25 Jahren gedacht wird.

(RP)