Vor 170 Jahren fand nahe Radevormwald die "Schlacht von Remlingrade" statt

Bergische Geschichte : „Schlacht von Remlingrade“ vor 170 Jahren

Am 17. Mai 1849 besiegten bergische Bauern einen bewaffneten Trupp von Revolutionären, die aus Elberfeld geflohen waren. Zum Helden des Tages wurde ein 82-jähriger Landwirt aus der Ortschaft Eistringhausen.

Remlingrade ist heute ein beschauliches Dorf, und das war es auch schon im Jahr 1849. Doch am 17. Mai 1849, also genau vor 170 Jahren, wurde die Ortschaft zum Schauplatz dramatischer Ereignisse – der „Schlacht von Remlingrade“.

1848/1949, das waren Jahre, in denen sich an vielen Orten Deutschlands die Menschen gegen die Obrigkeit erhoben, auch in den bergischen Großstädten. In einem Text von Ernst Luckhaus in den „Heimatgeschichtlichen Beiträgen“ vom 4. Juni 1966 werden die Vorgänge geschildert: „Elberfeld wurde ein großes Heerlager [...] Die Aufrührer übernahmen das Regiment in der Stadt, zogen in die Häuser der Bürger und errichteten draußen aus Möbeln, Klavieren und Straßenpflaster Barrikaden.“

Als jedoch die preußische Regierung Truppen von Düsseldorf aus schickte, brach der Aufstand rasch zusammen. „Den Freiheitshelden wurde der Boden zu heiß“, schildert der Text. „Sie wichen aus – Aber wohin?“ Der Weg in Richtung Rhein wäre riskant gewesen, dort lagen die preußischen Garnisonen. Also schlugen die besiegten Revolutionäre den Weg nach Südosten ein, das Ziel hieß Hückeswagen. Doch schon in Lüttringhausen gab es Probleme – der Durchmarsch wurde ihnen von dem Schützen- und Bürgerfeldwebel Wilhelm Ackermann verweigert. Denn die Sympathien der Bevölkerung, so seltsam das heutiger Sicht aus klingen mag, lagen eher bei der Obrigkeit, nicht bei den Demokraten, die doch mehr Freiheit und Teilhabe für das Volk wollten.

Nun versuchten es die Aufständischen über die Route Grünental, Dahlhausen, Radevormwald. Doch auf der Höhe von Grünental hörten die Flüchtlinge Sturmglocken aus Richtung Rade, und durch das Fernglas sahen sie, wie sich in Herbeck Bauerntrupps formierten, um sie auf unfreundliche Weise in Empfang zu nehmen. Der reformierte Pastor Müller hatte die Menschen aufgerufen, sich den Revoluzzern entgegenzustellen – und so geschah es: „Eine Hauptmacht schützte die Straße von Herbeck. Zwei Seitendeckungen wurden in Remlingrage und Feldmannshaus aufgestellt.“

Vinzenz von Zuccalmaglio schilderte die Ereignisse. Foto: archiv/Kolping Jugend Land Oldenburg

Die bedrängten Freiheitskämpfer machten daraufhin erst einmal beim „Wirt Düssel in Vogelsmühle“ Rast und beschlossen, es jetzt über Keilbeck, Herkingrade, Karlshöhe zu versuchen, um dann über die Schwelmer Landstraße und Rädereichen nach Hückeswagen zu kommen. Doch am Kreuzweg südlich von Remlingrade war endgültig Schluss mit dem Marsch: Hier stießen die Revolutionäre auf die Bauern von Remlingrade.

Vinzenz von Zuccalmaglio (1806 bis 1876), der große bergische Heimatforscher und Schriftsteller, hat anschaulich geschildert, was nun geschah: „Dort liegt hart am Wege eine frische Steingrube, die nicht tief, aber ziemlich lang ist.“ An dieser Stelle kam es zum Schusswechsel, bei dem, wie der Autor vermerkt, so gefährlich zuging, dass gar manchem „die Pfeife unter der Nase weggeschossen“ wurde.

Erfreulicherweise kam niemand ernsthaft zu Schaden, „außer einem Gensdarm (sic!), der aber sogleich mit heiler Haut wieder aufsprang, den Helm abnahm und sich hinter dem Gebüsche verbarg.“ Die Bauern waren nun unschlüssig, ob sie die Gruppe der Gegner, die immerhin 200 Köpfe zählte, weiter angreifen sollten. „Da aber“, so berichtet Zucalmaglio, „trat vor der alte Hans Peter Dürholt von Eistringhausen, ein 82-jähriger Bauer. Die weiße Mütze auf dem Kopfe, einen Haselstock in der Hand, sprach er: ,Ihr Männer von Herkingrade und ihr Remlingrader! Es wäre eine Schande für uns, wenn wir nicht tapfer drauf los gingen. Denk nicht blos (sic!) an Euer Gehöft, denk auch an die anderen Gemeinden, die durch das Gesindel gefährdet sind.’ Seine Ansprache gipfelte in dem pathetischen Appell: „Wohlan ihr Männer, so zeigt dem Lumpengesindel, dass der König noch brave Bauern hat! Frisch drauf los!“

Rund hundert Bauern gingen darauf zum Angriff über, der größte Teil der Demokraten ergriff darauf die Flucht in die Richtung der Talkuhle „Dampf“, manchen gelang es, sich nach Karlshöhe durchzuschlagen. Das Ergebnis der Schlacht von Remlingrade: 38 Demokraten waren durch die Bauern gefangen genommen worden, zwei Fahnen, hundert Bajonettflinten und 20.000 Patronen wurden sichergestellt. Die Gefangenen wurden nach Rade gebracht. Um sie an der Flucht zu hindern, schnitt man ihnen die Hosenknöpfe ab. So endete die Schlacht bei Remlingrade. „Weltbewegend und schicksalsändernd war sie nicht“, resümiert der Bericht der „Heimatgeschichtlichen Beiträge.“ Dennoch: „Die Schlacht bei Remlingrade aber zeigt, dass unsere Ahnen dabei waren, wenn Geschichte gemacht wurde.“

Der Steinbruch, wo die Auseinandersetzung stattfand, hieß aber noch für lange Zeit die „Demokratenkuhle“.

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