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Rolf Sander (93) ist seit 60 Jahren Jagdpächter in Radevormwald

Jäger-Veteran aus Radevormwald : Seit sechs Jahrzehnten ist Rolf Sander der Chef im Revier

„Sauen-Vater“ Rolf Sander aus Wilhelmstal will über das 93. Lebensjahr hinaus Jagdpächter im Hückeswagener Revier Marke bleiben. Der Wald und seine Tiere haben ihn schon in seiner Kindheit fasziniert.

Es war der große Traum seiner Kindheit und Jugend: In Ostpreußen, dem „Land der dunklen Wälder“, wollte Rolf Sander, der Junge aus Radevormwald, Forstmeister werden. Die Eltern bestärkten ihn darin, ebenso sein Großvater, auf dessen Bauernhof am Fuße des Thüringer Waldes das Kind regelmäßig die Schulferien verbrachte. Dort fand auch die erste Begegnung mit einem Förster statt, den der kleine Rolf (Repro: Kathrin Kellermann) häufig in den Wald und auf die Jagd begleiten durfte.

Wie bei so vielen jungen Menschen seiner Generation machte der Krieg Zukunftsträume zunichte. Statt das Röntgen-Gymnasium in Lennep mit dem Abitur zu beenden und dann an der Hochschule Eberswalde mit dem fest geplanten Studium zu beginnen, wurde der 17-Jährige 1944 zur Wehrmacht einberufen: „Fast alle Klassenkameraden und ich erlebten als Soldaten das Kriegsende.“ Im Herbst 1945 trafen sich die, die überlebt hatten, am Röntgen-Gymnasium, um in einem Sonderlehrgang die zwischenzeitlich aberkannte Hochschulreife neu zu erlangen. Den lange gehegten Traum vom Leben als Forstmeister in Ostpreußen legte Sander im nun geteilten Deutschland zu den Akten. Er wurde Mitarbeiter der Papierfabrik im Wilhelmstal.

„Im Rückblick war das ein Glücksfall, beruflich und auch sonst“, sagt Rolf Sander heute. Der Papierfabrikant Wilhelm Ernst pachtete 1958 das Jagdrevier Hückeswagen-Marke und nahm seinen jungen Mitarbeiter häufig mit auf die Pirsch. 1960 legte Rolf Sander gemeinsam mit dem Sohn des Fabrikanten die Jägerprüfung ab und bekam seinen ersten Begehungsschein für das rund 500 Hektar große Revier im Grenzgebiet von Hückeswagen und Radevormwald. Schnell waren die Kontakte zu den Grundeigentümern, überwiegend Landwirten, geknüpft. Daraus entstand im Lauf der Jahrzehnte ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Verpächtern und Pächtern. Rolf Sander: „Unser Jagdessen im Herbst in Egen kommt immer wieder dem Fest einer Großfamilie gleich.“ Dabei zu sein, ist für den 93-Jährigen bis heute Herzenssache – wie auch die Jagd selbst. Erst 2019 hat Rolf Sander den Pachtvertrag um fünf Jahre verlängert.

Rolf Sander in jungen Jahren als Jäger. . Foto: Privat

Manchmal blickt Rolf Sander mit Wehmut zurück auf seine ersten Jahre in Marke. „Da kamen noch Rebhuhn, Fasan und Wildkaninchen in den Anblick – das ist lange vorbei“, sagt er. Das Hauptaugenmerk galt auch damals schon dem Rehwild. Sander gehörte zu den Mitgründern der bis heute bestehenden Rehwild-Hegegemeinschaft. Außerdem ist er nach wie vor Obmann der seit 23 Jahren bestehenden Schwarzwild-Hegegemeinschaft – daher sein Spitzname „Sauen-Vater“.

Die ersten Wildschweine waren mit dem beginnenden Mais-Anbau Mitte der 1970er Jahre nach Marke und ins Bergische gekommen. Ihn selbst habe die Jagd auf Sauen „regelrecht in den Bann“ gezogen, sagt Sander. Die wildbiologischen Zusammenhänge faszinierten ihn, also befasste er sich intensiv mit wissenschaftlichen Studien dazu. Studien der ganz persönlichen Art machte er beim Rehwild: 1961 erhielt er ein „Rehfindelkind“, das Wanderer im Revier aufgegriffen hatten. Sander zog es mit Hilfe seiner Familie auf. Aus der Aufzucht entstand eine ganze Rehfamilie, deren Entwicklung der Radevormwalder über zehn Jahre hinweg aufzeichnete. Die Aufzeichnungen wurden später von der renommierten Jagdzeitung „Pirsch“ veröffentlicht.

Wenn Rolf Sander heute mit 93 Jahren auf sein Leben als Jäger zurückblickt, ist dieser Rückblick geprägt von vielen Momenten des Glücks und der Freude in seinem „grünen Zuhause“, dem Jagdrevier Marke. Mit Blick auf die Zukunft bewegt ihn Besorgnis: „Unser Wald ist krank. Trockenheit und Borkenkäfer schädigen ihn in einem nie gekannten Ausmaß. Dadurch kommt auch das Wild in seinem ,Wohnzimmer‘ immer mehr in Bedrängnis.“

Anders als bei Corona werde es gegen diese große Krise keine kurzzeitig wirkende „Impfung“ geben. Rolf Sander zitiert aus einem Buch des Biologen Paul Müller („Die Zukunft der Jagd und die Jäger der Zukunft“): „Alle Menschen haben die Pflicht, mit Nachdenklichkeit, Professionalität und vertieftem Wissen den sich stetig wandelnden Naturprozessen auf unserem Planeten zu begegnen.“ Das, so ist Sander überzeugt, setze die „große, ganzheitliche Betrachtung“ voraus: „An deren Ergebnissen muss sich unser praktisches Handeln ausrichten. Das wird ein Langzeit-Prozess!“