Kulturelles Leben in Radevormwald Ausflug in die „Swinging Sixties“

Radevormwald · Das Rheinische Landestheater Neuss brachte Richard Beans Broadway-Erfolg „Ein Mann, zwei Chefs“ ins Bürgerhaus. Die rasante Verwechslungskomödie kam beim Publikum bestens an.

Szene aus dem Stück „Ein Mann, zwei Chefs“, mit dem das RLT Neuss in Radevormwald gastierte.

Szene aus dem Stück „Ein Mann, zwei Chefs“, mit dem das RLT Neuss in Radevormwald gastierte.

Foto: Jürgen Moll

Es ist ein Treffen zweier ganz unterschiedlicher Welten. Da ist zum einen jene des italienischen Dramatikers Carlo Goldoni. Der hat im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts gelebt und zahlreiche Bühnenstücke und Opern-Libretti verfasst. Darunter „Il servitore di due pardroni“ von 1745 – besser bekannt als „Der Diener zweier Herren“. Auf dieser Komödie basiert wiederum das Quasi-Musical „Ein Mann, zwei Chefs“ des Briten Richard Bean. Und das wird am Mittwochabend im sehr gut besuchten Bürgerhaus in einer neuen Produktion des Rheinischen Landestheaters Neuss und der Regie von Philipp Moschitz mit jeder Menge mitreißender Live-Musik der „Unsichtbaren Drei“ und guter Laune vor und auf der Bühne dargeboten. Die Geschichte um Francis (Philippe Ledun), eigentlich ein Musiker, der zum Gangster-Gehilfen wider Willen für gleich zwei Bosse im Brighton der „Swinging Sixties“ wird, ist aber auch zum Schießen.

Es ist eine reinrassige Slapstick-Komödie mit jeder Menge typischer Gags, die sich in Hochgeschwindigkeit aus den perfekt getimten Interaktionen der Schauspieler entwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei Francis, der, ganz analog zur venezianischen Komödie, zwei Chefs hat, dummerweise beides eher halbseidene Unterweltgestalten, die jeweils ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Wie Francis das schon zu Beginn seiner komplexen „Berufstätigkeit“ deutlich macht: „Ich darf dabei nicht durcheinanderkommen. Aber ich werde durcheinanderkommen!“ Und natürlich passiert das auch. Was mit daran liegen mag, dass Francis sich nicht gut konzentrieren kann, wenn er hungrig ist. Was wiederum permanent der Fall ist. Und so kommt es schon bald vor, dass er nach dem erteilten Auftrag des einen zum anderen Gangster sagt: „Das hat mir mein Boss gesagt.“ Woraufhin die etwas verständnislose Antwort kommt: „Dein Boss … bin ich.“ Ein nicht unerhebliches Problem, das Francis letztlich nicht nur den einen oder auch den anderen  Job kosten könnte...

Das neunköpfige Ensemble ist bestens aufgelegt. Und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Denn zum einen ist da die physisch enorm herausfordernde Art der Screwball-Comedy – wer sich an Filme wie „Manche mögen‘s heiß“ oder „Arsen und Spitzenhäubchen“ erinnert, weiß, worum es hier geht. Da wird die Bühne mit ihren vielen Klappen, Ebenen und Türen ganz nach Belieben betreten und verlassen, mal springend, mal rennend, dann wieder auf dem Bauch rutschend. Ein wahrlich phantasievolles Bühnenbild, für das Isabelle Kittnar verantwortlich zeichnet. Auf der anderen Seite sind da die Songs. Denn „Ein Mann, zwei Chefs“ ist eine Art Musical. Schließlich spielt das Stück im England der „Swinging Sixties“, in einer Zeit also, in der aus Liverpool die Beatlemania auf die Welt überschwappt. Ehe Francis sich als Halbwelt-Gehilfe verdingt, ist er ein begnadeter Waschbrett-Spieler in einer Skiffle-Band. Die ist aber vom Erfolg der Pilzköpfe pulverisiert worden.

Was wiederum Francis‘ Berufswechsel bedingt. Und darum werden in Richard Beans Komödie immer wieder Songs zu Gehör gebracht. Die sind klassische Skiffle-Beat-Stücke und von Grant Olding komponiert worden. An dieser Stelle kommen die eingangs schon erwähnten „Unsichtbaren Drei“ ins Spiel, die tatsächlich allerdings unter dem Namen „Skiff & The Swivlers“ firmieren. Geleitet wird die Combo von Tilman Brand am Klavier und der Gitarre, souverän unterstützt von Korbinian Kugler am Bass und Johannes Pfingsten an der Percussion. Manchmal liefern sie nur leise Soundeffekte zur Untermalung des Geschehens auf der Bühne, dann wieder kommt das ganze Ensemble zur großen Gesangsnummer auf die Bühne, was wiederum mit begeistertem Applaus belohnt wird.

Normalerweise ist zwischen Publikum und Bühne eine unsichtbare Barriere, die sogenannte Vierte Wand. Dass diese durchbrochen wird, ist eher selten der Fall. Ein sehr bekanntes Beispiel ist die Schlussszene von Alfred Hitchcocks Grusel-Klassiker „Psycho“. Dort überwindet Anthony Perkins die Vierte Wand, indem er direkt in die Kamera lächelt – ein echter Horror-Moment. In „Ein Mann, zwei Chefs“ wird dieses Stilmittel auf die Spitze getrieben. Immer wieder wendet sich Francis an das Publikum, bittet Einzelpersonen und Paare auf die Bühne – was darin gipfelt, dass beim parallelen Dinner beider Gangster-Chefs eine Zuschauerin für bestimmt zehn Minuten mitten im Geschehen ist, „angezündet“ und wieder „gelöscht“ wird. Sehr zur Erheiterung des Publikums, das vom wilden Geschehen auf der Bühne hellauf begeistert ist.

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