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Angeklagter ohne Erinnerung: Radevormwalder wegen Diebstahls zu Sozialstunden verurteilt

Angeklagter ohne Erinnerung : Radevormwalder wegen Diebstahls zu Sozialstunden verurteilt

Der Vorwurf gegen einen 33-jährigen Rader war geringfügig, dennoch musste das Amtsgericht in Wipperfürth aktiv werden.

Der ledige Mann, der über keine Schulausbildung verfügt, bei der Mutter lebt, aber bereits drei Kinder hat, war mit seinem amtlich bestellten Betreuer gekommen - allerdings erst, nachdem er den ersten Termin versäumt hatte und per Strafbefehl geladen wurde.

Schnell wurde klar, dass der Mann seine Belange nicht selbst regeln kann. "Ich habe über meine Papiere keinen Überblick. Ich kann zwar lesen und schreiben, aber ich verstehe oft nicht, was in den Briefen steht", sagte er. Es ging um einen Diebstahl im Oktober 2017. Zur Last gelegt wurde dem 33-Jährigen, vier kleine Flaschen Wodka im Wert von 7,16 Euro im Woolworth-Markt in Radevormwald gestohlen zu haben.

Als Zeuge war der 26-jährige damalige Marktleiter geladen worden. Er konnte sich an die Situation noch recht genau erinnern. "Ich weiß zwar nicht mehr, welche Uhrzeit es genau war, aber ich habe damals in meinem Büro mitbekommen, dass es draußen Ärger gab", sagte der 26-Jährige. Eine Kundin habe mitbekommen, dass der Angeklagte wohl etwas gestohlen habe und ihn daraufhin festgehalten und um Hilfe gerufen.

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"Also bin ich nach draußen gegangen, um nach dem Rechten zu sehen", sagte der Marktleiter. Der Angeklagte habe die Wodka-Fläschchen aus der Jacke gezogen, sie seien ihm aus der Hand geglitten und zerbrochen. Der Marktleiter habe den Angeklagten festgehalten, bis die Polizei eingetroffen sei. "Dann wurde im Marktbüro Strafanzeige gestellt. Obwohl er draußen die Vorwürfe noch vehement abgestritten hatte, entschuldigte sich der Angeklagte im Büro mehrfach für sein Verhalten, wollte mich gar in den Arm nehmen", sagte der Zeuge.

Der Angeklagte hatte nach eigenen Angaben bis vor mehreren Jahren ein Drogenproblem, er befinde sich nach wie vor im Methadonprogramm. Zwar habe er keine Drogen genommen, wohl aber Alkohol getrunken. In Kombination mit den Medikamenten habe das zu einem Blackout geführt. "Ich weiß, dass da was war, aber ich kann mich an nichts genau erinnern", sagte der Angeklagte. "Ich weiß, dass ich was genommen habe, weiß aber nicht mehr was."

Der Zeuge schilderte auch, dass er die Alkoholfahne des Angeklagten gerochen habe. "Und ich habe gesehen, dass er kaum noch gerade gehen konnte, er musste sich immer abstützen."

Der Richter sagte nach der Beweisaufnahme: "Ich möchte ein offenes Wort sagen, auch an die Staatsanwältin. Ich unterstelle, dass hier eine erhebliche Schuldminderung vorliegt." Da zudem noch ein bislang nicht vollstrecktes Urteil mit Sozialstunden offen sei, würde er eine Gesamtstrafe vorschlagen. Er sagte aber auch zum Angeklagten: "Es ist besonders wichtig, dass Sie Ihre Post öffnen und sie an Ihren Betreuer geben. Dafür haben Sie ihn ja."

Der Strafbefehl sei nur zustande gekommen, weil er den ersten Termin nicht wahrgenommen habe. Außerdem legte er dem 33-Jährigen nahe, bei der Kombination von Methadon und Alkohol oder anderen Mitteln sehr aufzupassen. "Entweder bauen Sie unter dem Einfluss dieser Kombination richtig Mist, oder Sie werfen irgendetwas ein, das unter Umständen illegal ist. Sie sollten sich da weiterführende Hilfe suchen", sagte der Richter.

Ehe er die Gesamtstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen zu 20 Euro verkündete, die wegen nicht vorhandenen Einkünften in Sozialstunden umgewandelt würden, sagte er noch mahnend: "Sie sind dann in einem Zustand, in dem Ihnen alles passieren kann. Das ist einfach auch gefährlich."

(wow)