Radevormwalder Kaffe(e)kanne ohne Ausschank

Ortsteile in Radevormwald : Kaffe(e)kanne ohne Ausschank

Die historische Radevormwalder Siedlung mit den markanten Fachwerkhäusern liegt im Naturschutzgebiet Wiebachtal.

Schön öfters ist es vorgekommen, dass Wanderer und Spaziergänger in der Ortschaft Kaffekanne nach einem Café Ausschau gehalten haben. Der Name weckt Erwartungen, mindestens aber die Lust auf ein Stück Kuchen und das passende schwarze Heißgetränk. Einen Ausschank können die Anwohner Gottfried und Ita Voss nicht anbieten, wohl aber liebe Freunde einladen. „Meine Wandergruppe kommt schon mal auf eine Tasse Kaffee in den Garten“, sagt Ita Voss.

Im Jahr 1790 war das Haus in Kaffekanne 2 in den Besitz der Familie gekommen. Vorfahre Johann Reinhard Vesper, der 1766 geboren wurde, hat die Ereignisse aus dieser Zeit handschriftlich in einem Buch festgehalten, dass mittlerweile mehr als 200 Jahre alt ist. „Ich weiß gar nicht, was da so alles drinsteht, weil ich die Schrift nicht lesen kann“, bedauert Gottfried Voss. Der 84-Jährige ist in diesem Haus geboren und aufgewachsen. An seine Kindheit hat er trotz der Kriegsjahre viele positive Erinnerungen. „Wir hatten eigene Tiere und mussten nie hungern“, erinnert er sich. Ein Bäcker in der Stadt habe ebenfalls dafür gesorgt, dass die Familie immer etwas zum Essen hatte.

Im Haus Nr. 2 zeigt das Fenster neben der Eingangstür die berühmte Bergische Dröppelminna, im Haus Nr. 1 ziert eine Kaffeekanne das Fensterglas. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Die kleine Siedlung liegt in einer Talsenke – der Wiebach (Kaffekanner Bach) bildet die Grenze zwischen Hückeswagen und Radevormwald. Laut Überlieferung stammt der Name der Ortschaft von der Kaffeepause, die die Fuhrleute hier vor dem steilen Anstieg machten. Damals führte die Handelsstraße von Essen nach Köln durch diesen Ort. Der Weg sei damals noch unbefestigt und felsig gewesen, was für die Fuhrwerke eine große Anstrengung bedeutete. „Die Transporteure hatten schweres Eisenerz geladen und dann vor dem steilen Anstieg in Kaffekanne die Pferde ausgespannt und eine Kaffeepause eingelegt“, berichtet Gottlieb Voss von seiner Version der Überlieferung.

Die Ansicht der kleinen Siedlung hat sich im Laufe der Jahre etwas verändert. So wurde die Brücke über den Bach zwischen 1870 und 1900 etwas nach Westen verlegt und der Weg an dieser Stelle begradigt. Vor einem Jahr musste auch die große, 150 Jahre alte Linde vor dem Haus der Eheleute Voss gefällt werden. „Die war innen völlig hohl“, sagt der Hauseigentümer.

Auf dem Foto sind die Mutter (2.v.l) und der Großvater (3.v.r) von Gottfried Voss zu sehen. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Der gelernte Schreiner hat auch innerhalb des Hauses einige Veränderungen vorgenommen. Verschwunden sind die offene Feuerstelle und das Plumpsklo, hinzugekommen ist ein Anbau und eine eigene moderne Abwasseranlage mit Drei-Kammer-System. Die niedrige Deckenhöhe lässt aber noch heute auf das Alter des Hauses schließen.

Der Garten ist liebevoll angelegt. „Leider fressen uns die Rehe alles weg“, sagt Ita Voss, die mit 22 Jahren aus Amerika nach Deutschland gekommen war und seit 32 Jahren mit Gottlieb Voss verheiratet ist.

Das Wohnen in der Natur genießen auch die Nachbarn aus dem Haus Kaffekanne 4. Anja und Peter Fleischhauer haben 1993 ein ehemaliges Bauernhaus in der Siedlung gekauft. „Wir hatten schon junge Waldkauz-Drillinge vor dem Fenster, Füchse im Garten und eine große Ringelnatter auf der Terrasse“, berichtet das Paar. Auch die Langhorn-Rinder aus der Nachbarschaft büxen gerne aus und statten den Anwohnern einen Besuch ab.

Wann und warum das zweite E im Namen „Kaffekanne“ verlorengegangen ist, kann heute niemand mehr sagen. In alten Unterlagen wird der Kaffee im Dorfnamen noch mit zwei E geschrieben. Anja und Peter Fleischhauer geben ihre Adresse trotzdem mit Doppel-E an, weil sonst fast jeder die Schreibweise korrigieren will. „Es gibt immer großes Erstaunen bei der Adresse“, berichten die Berufsmusiker aus Erfahrung. „Wir sagen dann immer: Wir wohnen in Kaffeekanne 4, direkt neben Teebeutel 3“, witzelt das Paar.

Auch die beiden historischen Fachwerkhäuser zeugen von dem Namen. Im Haus Nr. 2 zeigt das Fenster neben der Eingangstür die berühmte Bergische Dröppelminna als Bleiverglasung. Im Nachbarhaus Nr. 1 ziert die Abbildung einer Kaffeekanne das Fensterglas. Fehlt also nur noch der Kaffee-Ausschank in dem idyllischen Tal – den gibt es aber auch künftig nur ganz privat in den Häusern und Gärten der Anwohner.

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