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Radevormwald „Wir sehen den ganzen Menschen“

Interview Dr. Ansgar Thimm : „Wir sehen den ganzen Menschen“

Der Chefarzt Dr. Ansgar Thimm des Sana-Krankenhauses Remscheid, das im Verbund mit Sana Radevormwald steht, spricht im Interview über seine Arbeit im Bereich der Diabetologie.

Herr Dr. Thimm, Sie sind nun fast anderthalb Jahre Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana-Klinikum. Wo drückt der Schuh am meisten?

Dr. Ansgar Thimm Erst mal bin ich sehr dankbar für die Zeit, die ich hier bisher hatte. Ich erlebe sehr nette und engagierte Mitarbeiter. Sorgen macht uns abgesehen von der Corona-Pandemie die gegenwärtige Situation der Kinderarztpraxen in Remscheid: Praxen müssen aufgrund des Alters der Inhaber schließen. Wir machen uns derzeit Gedanken, wie wir weiterhin eine gute Versorgung der Kinder und Eltern gewährleisten können – im engen Kontakt mit den niedergelassenen Kollegen und der Stadt. Auch unsere Geschäftsführerin Frau Ehlers ist sehr engagiert, eine Lösung zu finden.

Sie haben sich auf die Bereiche Kinderdiabetologie und -endokrinologie spezialisiert. Verzeichnen Sie hier wachsende Patientenzahlen?

Thimm Ja. Wir haben diese Bereiche ja vor rund anderthalb Jahren erst aufgebaut. Man muss allerdings unterscheiden zwischen Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2. Unser Schwerpunkt liegt auf Typ-1-Diabetes. Es gibt einen ungeheuren Bedarf. Und betroffene Kinder werden immer jünger.

Was ist der Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2?

Thimm Bei Typ 1 wird aus noch nicht bekannten Gründen die insulinproduzierende Zelle des Körpers zerstört. Der Körper benötigt Insulin, um den aufgenommenen Zucker über das Blut in die Zellen zu transportieren. Beim Typ 1 liegt also ein Insulinmangel vor, der sich oftmals schon in jungen Jahren zeigt. Dieser Mangel muss ersetzt werden. Das geht über verschiedene Systeme, zum Beispiel Pumpen- oder Spritzensysteme. Der Typ-2-Diabetes hängt sehr mit den Ernährungsgewohnheiten und dem daraus resultierenden Übergewicht zusammen. Dies kann gegebenenfalls relativ gut mit Medikamenten behandelt werden, wenn eine Umstellung der Lebensgewohnheiten keinen Erfolg zeigt.

Die AOK hat zuletzt aufgrund einer Studie erklärt: Diabetes und sozialer Status hängen zusammen. Stimmen Sie dem zu?

Thimm Ich denke, dass diese Studie den Typ-2-Diabetes fokussiert. Und da ist es sicherlich so, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Denn Diabetes Typ 2 geht mit falschen Ernährungsgewohnheiten und verminderter Bewegung einher. Man muss aber auch sehen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der hochkalorisches Essen deutlich günstiger und präsenter ist als gesunde Vollwertnahrung. Es ist leider auch oft eine Frage des Geldbeutels, wie man sich ernähren kann.

Was bieten Sie den Patienten am Sana genau an?

Thimm Unsere Unterstützung bezieht sich auf verschiedene Ebenen. Wenn eine Diabetes-Erkrankung auftaucht, geht es erst einmal um die stationäre Therapieeinstellung. Gleichzeitig schulen wir die Familien. Wir sehen sie dann in regelmäßigen Abständen ambulant. Für Notfälle sind wir natürlich auch telefonisch erreichbar. Nicht zu unterschätzen ist der Schulungsbedarf in Kindergärten, Schulen und bei Integrationskräften. Wir vermitteln ein Verständnis für die betroffenen Kinder, damit diese ein normales Leben führen können, so, wie ihre Altersgenossen auch.

Was bedeutet es für ein Kind, Diabetiker zu sein?

Thimm Wir vermeiden den Ausdruck Diabetiker. Das ist wichtig, weil es den Menschen sonst nur auf seine Krankheit reduziert. Das bekommen wir auch immer wieder von den Kindern und Jugendlichen gespiegelt. Das Leben besteht für sie zurecht aus mehr als nur aus Blutzuckermessen. Wir sehen den ganzen Menschen. Denn Diabetes findet sich in allen Lebensbereichen wieder: Typ-1-Betroffene müssen ihr Leben lang auf ihre Nahrung achten. Das ist sehr einschneidend und hinterlässt Spuren. Wir haben in Remscheid das Glück, dass wir eine sehr gute psychosomatische Station haben, auf der wir vielen Kindern, auch überregional, helfen können. Nicht selten geht es um Ausgrenzung, Ängste, Stigmatisierung. Daher ist es uns wichtig, Kinder und Jugendliche zu stärken.

Welche Angebote für Kinder und Jugendliche machen das Sana zum einmaligen Versorgungszentrum?

Thimm Erst mal hängt es sehr an der Kompetenz der Menschen: Hochmotivierte Ärzte und Pfleger arbeiten hier Hand in Hand. Wir haben die optimale Situation, dass wir hier die klassische Pädiatrie, aber auch eine psychosomatische Station und eine Kinderintensivstation haben. Zudem die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Ärztliche Kinderschutzambulanz und das Sozialpädiatrische Zentrum. Wir können so jedes Kind ab der Geburt bis zum 18. Lebensjahr optimal versorgen – mit einer guten Infrastruktur und kurzen Wegen.

Zum dritten Mal hat die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana das Siegel „Ausgezeichnet. Für Kinder“ erhalten. Was sagt es aus?

Thimm Es handelt sich um ein bundesweites Siegel. Dieses ist unsere Qualitätskontrolle. Um es zu erhalten, müssen wir viele Qualitätskriterien erfüllen: personell, strukturell. Wir haben erneut alles erfüllt. Das macht mich stolz.

Was unterscheidet die Behandlung von Kindern von der von Erwachsenen?

Thimm Jede Altersgruppe hat ihr eigenes Charakteristikum. Je jünger die Patienten sind, umso mehr sind sie noch in ihre Familien eingebunden. Wir lassen das in unsere Therapie mit einfließen. Es geht uns um einen ganzheitlichen Ansatz.

Gibt es Neuerungen, die im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin geplant sind?

Thimm Wichtig ist, dass wir weiter an unserer Qualität arbeiten. Wir haben bereits eine tolle Intensivstation für Neugeborene – dennoch wollen wir auch angesichts der Geburtenzahlen unser Angebot verbessern. In meinem eigenen Bereich möchte ich das Thema Übergewicht stärker in den Fokus nehmen. Es ist wichtig, Prävention zu betreiben. Mit unserem Sana-Adipositaszentrum sind wir in Gesprächen, um künftig Kurse für Kinder und Jugendliche anzubieten.

Sie sprachen die Geburtenentwicklung an. Wie ist denn der aktuelle Stand?

Thimm Wir haben mittlerweile fast 1400 Geburten im Jahr. Die gestiegenen Zahlen sind ein Verdienst der Frauenklinik. Übrigens entbinden nicht nur Remscheiderinnen am Sana-Klinikum. Einen Anstieg bei Mehrlingsgeburten verzeichnen wir dabei nicht. Wir hatten 2019
22 Zwillinge und dieses Jahr bisher 15 Zwillinge.

Wie stehen Sie zum Thema Kaiserschnitt? Bei einigen Frauen scheint dieser in Mode zu sein . . . 

Thimm Der Kaiserschnitt ist eine sehr gute Möglichkeit, Kindern und Müttern in einer Situation zu helfen, in der eine normale Geburt nicht möglich ist oder wenn das Leben des Kindes oder der Mutter gefährdet ist. Ich als Pädiater freue mich immer darüber, wenn Kinder natürlich geboren werden, weil es sehr viele Vorteile hat. Es fördert zum Beispiel die Mutter-Kind-Bindung. Unsere Kaiserschnittrate liegt bei etwa 30 Prozent – und damit leicht unter Landes- und Bundesdurchschnitt. Man muss aber je nach Situation entscheiden, ob ein Kaiserschnitt angeraten ist oder nicht.

(Boll)