Radevormwald: Wie das Projekt "WohnZimmer" die Innenstadt verändert

Innenstadtentwicklung in Radevormwald : Aus dem Schandfleck wird das „WohnZimmer“

Dieses Vorhaben ändert das Bild der Innenstadt: An der Nordstraße entsteht ein Bau, der auf vielseitige Weise mit Leben gefüllt wird.

Seit Jahren wünschen sich viele Einwohner von Radevormwald, dass die maroden Häuser Nummer 4 bis 8 an der Nordstraße verschwinden. Sie bilden einen Schandfleck, der nicht etwa irgendwo am Stadtrand liegt, sondern in der Ortsmitte, nur wenige Schritte entfernt vom Rathaus, vom Marktplatz und vom Haus Burgstraße 8, der „guten Stube der Stadt“. Es ist keine Stelle, die man Besuchern der Stadt gerne zeigt.

Im Jahr 2020 soll der Wunsch der Bürger nun erfüllt werden. Wenn die kleinen, hässlichen Bauten verschwunden sind, entsteht Platz für ein Bauprojekt, das in den vergangenen Jahren für viele Diskussionen gesorgt hat und im Rat im vergangenen März mit 22 gegen 13 Stimmen beschlossen wurde – also nicht eben ein Ergebnis, das man eine breite Mehrheit der Politik nennen kann.

„WohnZimmer“, so lautet der Projektname. In dieses Gebäude soll das Jugendamt einziehen, außerdem wird die Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft dort ihr neues Domizil finden. Doch damit wäre das ganze Vorhaben nicht förderbar gewesen. Die Allgemeinheit muss etwas davon haben, und so entstand die Idee, Vereinen dort Räumlichkeiten anzubieten, kleinere Kulturveranstaltungen zu veranstalten und der örtlichen Wirtschaft einen „Showroom“ bereitzustellen, wie Bürgermeister Johannes Mans jüngst erklärte. Die ganze Maßnahme ist Teil des Integrierten Handlungskonzeptes (IHK) Innenstadt II.

Die Wirtschaftsförderung hatte jahrelang versucht, das Gelände an Investoren zu verkaufen. Angedacht war damals, auf rund 1256 Quadratmetern Bruttogeschossfläche Büros, Wohnungen und eine Tiefgarage mit zehn Plätzen zu bauen. Doch alle Bemühungen, Interessenten dafür zu gewinnen, blieben ohne Erfolg.

Ein Blick auf den Bereich an der Nordstraße, wo das neue Gebäude seinen Platz finden wird. Im Hintergrund die lutherische Kirche an der Burgstraße. Foto: Wolfgang Scholl/Scholl, Wolfgang (wos)

Im Jahr 2017 wurde dann eine neue Strategie erwogen: Der problematische Bereich sollte Teil des bereits genannten IHK werden. So würde die Stadt den Schandfleck los und bekomme die Chance, mit Fördergeldern etwas Neues an Ort und Stelle zu gestalten.

Die Bedenken mancher Politiker und Bürger im Vorfeld sind nachvollziehbar. Tatsächlich ist dieses Vorhaben eine Operation am offenen Herzen der Innenstadt. Die Sorge, ein hässliches modernes Gebäude könnte das Bild des Ortskerns verunstalten, war groß. Bei den Planungen wird daher Wert darauf gelegt, dass kein Betonklotz entsteht, sondern dass das bergische Ambiente des Ortskerns ungestört bleibt.

So steht es auch im Konzept, das die Stadt erstellen ließ: „Unter der Berücksichtigung der Maßstäblichkeit im historischen Kontext ist hier insbesondere der Gestaltungskanon zum „Bergischen Dreiklang“ zu beachten, welcher den bergischen Baustil beschreibt, durchaus aber auch modern interpretiert werden kann.“

Folgende Nutzungen sind angedacht: Im Erdgeschoss könnten Aktivitäten wie „Austausch, Beratung, Co-Working, Feste und Veranstaltungen“ einen Ort finden. Auch politische Versammlungen oder Ausschüsse könnten dort einen Platz finden. „Außer der Nutzung als Gruppen- oder Arbeitsraum für soziale und kulturelle Aktivitäten sind hier und auch im gesamten Eingangsbereich Wechselausstellungen, kleinere Vernissagen, Konzerte und Lesungen denkbar“, heißt es im Konzept.

Kurz gesagt: Im Erdgeschoss soll der Begriff „WohnZimmer“ seine volle Bedeutung erhalten. Der große Raum soll flexibel aufteilbar sein, diverse Technik soll ihn für viele verschiedene Zwecke nutzbar machen. „Der personelle Aufwand zur Nutzung der Räume ist gering, von einer Person leistbar und grundsätzlich an 24 Stunden des Tages möglich“, heißt es in dem Konzept. „Das Catering kann über benachbarte Gastronomien in der Innenstadt erfolgen.“

Ebenfalls im Erdgeschoss sollen die Räumlichkeiten der Wirtschaftsförderung, des Citymanagements und der Bauberatung untergebracht werden. In das Obergeschoss werde dann die Mitarbeiter des Jugendamtes, die derzeit noch an der Kaiserstraße arbeiten, umziehen. Die Planung spricht von einer „Anlaufstelle Familie“ mit Beratungsräumen und Wartezonen. Ein Aufzug wird dafür sorgen, dass dieses Stockwerk barrierefrei erreichbar ist.

Das Untergeschoss bietet laut diesen Planungen drei größere Räume für die Vereinsarbeit, zum Beispiel für den Stadtkulturverband, den Kinder- und Jugendring oder den Stadtsportverband. Außerdem werden im Souterrain Technik-, Lager- und Archivräume untergebracht.

Das neue „WohnZimmer“ hat zudem einen barrierefreien Außenbereich, der ebenfalls Raum für kleinere Veranstaltungen bieten soll, vorausgesetzt das bergische Wetter lässt dies zu.

Bereits im Oktober 2019 erhielt die Stadt Radevormwald von der Bezirksregierung den Zuwendungsbescheid von 3,576 Millionen Euro, wovon 2,1 Millionen als Zuwendung vom Land gezahlt werden. Die Gesamtkosten für die Baumaßnahme wurden von Kämmerer Frank Nipken im November 2018 mit 5,7 Millionen Euro beziffert. Der Rat der Stadt hat in seiner Sitzung am 24. September den Weg frei gemacht, damit die Planungsleistungen für die Nordstraße ausgeschrieben werden können. Bürgermeister Johannes Mans erklärte nun im Interview mit unserer Zeitung, dass vermutlich schon im ersten Quartal des Jahres 2020 die ungeliebten Häuser an der Nordstraße abgerissen werden. Spätestens im Jahr 2021 müsste das neue Gebäude fertig sein, dann nämlich laufen die aktuellen Mietverträge für die Räumlichkeiten des Jugendamtes aus.

Im größeren Zusammenhang der Stadtplanung verweist die Verwaltung darauf, wie gut sich das neue „WohnZimmer“ einfügt: Fußläufig ohne Probleme erreichbar sind das Rathaus, der Markt, das Freizeitbad „life-ness“, das Corso-Kino, der Parc de Chateaubriant, der Schlossmacherplatz mit dem Bürgerhaus sowie dem Haus Hürxthal und so fort. Bushaltestellen sind ebenfalls ohne lange Wege zu erreichen.