Radevormwald: Traditionschöre sind in der Krise

Vereine in Radevormwald : Die bergische Sangestradition ist bedroht

Auch in Radevormwald machen sich Traditionschöre Sorgen um die Zukunft. Junge Menschen finden selten den Weg in die Vereine.

Wenn sich die Sängerinnen des Chores „Hobby Singers“ am 25. Januar zu ihrer Jahreshauptversammlung treffen, dann wird voraussichtlich auch über die Nachwuchssituation gesprochen. Denn wie bei vielen Chören in der Region sieht es da nicht rosig aus. „Die jüngsten Sängerinnen sind in den 60ern“, sagt die Vorsitzende Marlis Dehn. Aus Altersgründen seien jüngst weitere Damen ausgeschieden, statt 30 sind jetzt noch 24 Mitglieder im Chor. Da mache man sich schon Gedanken über die Zukunft, meint Dehn. Manche Chöre vor Ort hätten sich schon aufgelöst, zum Beispiel der Radevormwalder Männerchor.

Auch beim gemischten Chor Serenita Önkfeld wären neue Mitglieder gern gesehen. „Vor allem bei den Männern, da ist es etwas wackelig“, sagt die Vorsitzende Ingeborg Schreiber. Bei den weiblichen Mitgliedern sei man noch gut besetzt, und hier gebe es auch jüngere Mitglieder, die in den Vierzigern sind. „Voriges Jahr sind sogar vier Damen dazu gekommen“, sagt Schreiber nicht ohne Stolz. Und wer dazu komme, der bleibe auch bei der Stange, lautet ihre Erfahrung.

Dieses Bild entstand beim vergangenen Herbstkonzert des MGV Hahnenberg mit dem befreundeten Chor Germania Hohenplanken. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Die Situation ist also von Chor zu Chor verschieden. Dennoch: Insgesamt steht es um die Traditionschöre in der Region nicht gut. Dabei galt das Bergische Land doch einst als Land der Sänger, als die „singenden, klingenden Berge“. In dieser Tradition stand auch der aus dem Bergischen stammende Bundespräsident Walter Scheel, der in den 1970er Jahren selber in die TV-Kameras schmetterte und deutsches Liedgut wie „Hoch auf dem gelben Wagen“ populär machte.

Woran liegt es also, dass jüngere Menschen um die traditionellen Chöre einen Bogen machen? Ein Grund sei möglicherweise, dass in diesen Chören selten englische Texte gesungen werden. „Die älteren Mitglieder sind in dieser Sprache nicht so firm“, sagt Ingeborg Schreiber von Serenita Önkfeld. Und wenn man bei der Artikulation Probleme habe, dann klinge es am Ende auch nicht schön. Somit singen die Önkfelder, zu denen allerdings nicht nur Sänger aus der Ortschaft gehören, vor allem Schlager und Stücke aus Operetten und Musicals.

Ingeborg Schreiber, Vorsitzende des Chors Serenita Önkfeld. Foto: serenita

Und so zieht es jüngere Sängerinnen und Sänger in Chöre mit einem anderen Repertoire. „Seit Jahren sind ja die Gospelchöre sehr populär“, sagt Marlis Dehn. Die freilich gehören oft zu den Kirchengemeinden und sind keine „klassischen“ Gesangsvereine.

Die Freude am Singen ist in der Gesellschaft eigentlich groß. In den vergangenen Jahren sind Sing-Abende, auch als „Rudelsingen“ bezeichnet, wieder populär geworden. Laut den Statistiken der deutschen Chorverbände singen bundesweit 1,8 Millionen Menschen in Chören. Davon sind 45 Prozent gemischte Chöre, 31 Prozent Kinder- und Jugendchöre 16 Prozent Männerchöre und acht Prozent Frauenchöre.

Zum Chorverband Bergisch Land gehören derzeit vier Chöre aus Radevormwald: Die „Hobby Singers“, der Chor „Melodienreigen“, der MGV Hahnenberg und der gemischte Chor Serenita Önkfeld. Auch Chöre aus Remscheid, Solingen und Wermelskirchen gehören zu diesem Verband.

Für Jürgen Wader, den Vorsitzenden des MGV Hahnenberg, ist der Grund für den Nachwuchsmangel vor allem die mangelnde Bereitschaft der Jugend, Mitglied in einem Verein zu werden. „Das habe ich immer wieder gehört, wenn ich jemanden gefragt habe, ob er nicht mitmachen will: Nein, in einen Verein gehe ich nicht.“ Dazu gehöre die Bereitschaft, einmal in jeder Woche zu einer festgesetzten Uhrzeit zu den Proben zu erscheinen.

„Ohne diesen Rahmen eines Vereins funktioniert das nicht“, ist Wader überzeugt. „Es gibt ja manchmal Projektchöre, aber nach dem Auftritt zerbröselt das alles wieder.“ Was das Repertoire angehe, so sei der MGV in den vergangenen Jahren deutlich moderner geworden. „Wir singen nicht nur alte Lieder, sondern auch Stücke von Bon Jovi oder den Toten Hosen“, sagt Wader.

Obwohl die Situation des MGV Hahnenberg noch nicht dramatisch ist, machen sich Wader und seine Mitsänger doch Sorgen um die Zukunft ihres Chores, der immerhin seit mehr als 130 Jahren besteht. „Wir brauchen Tenöre“, sagt er. „Wenn die Verteilung der Stimmen eines Tages nicht mehr ausgewogen ist, dann wird es schwierig.“ Auch sei der Altersdurchschnitt des Chores „in den Siebzigern“.

Um gegenzusteuern hat der Chorverband Bergisch Land unter dem Vorsitz von Wolf-Dietrich Hörle das Projekt „Singen macht schlau“ ins Leben gerufen. Damit soll Kindern in Kitas und Grundschulen schon die Freude am Singen vermittelt werden. Denn regelmäßiges Singen, das zeigen Studien, fördert die Intelligenz.

Doch bis diese Ansätze Wirkung zeigen, könnten manche traditionsreiche Chöre sich bereits verabschiedet haben. „Wie lange wir noch weitermachen können, das kann ich nicht sagen“, gesteht Jürgen Wader. „Regelmäßig hören wir, dass wieder ein Chor im Verband aufgehört hat. Die Einschläge kommen immer näher.“