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Radevormwald: Stolpersteine erinnern an Nazi-Verbrechen

Drei Orte des Gedenkens in Radevormwald : Stolpersteine erinnern an Nazi-Verbrechen

An die Untaten des Dritten Reiches erinnern in Radevormwald drei „Stolpersteine“, die der Künstler Günter Demnig 2016 verlegt hatte. Mit einer neuen App des WDR können diese Orte nun auch online rasch gefunden werden. Sie erzählen von furchtbaren Schicksalen.

In der vergangenen Woche ist in Deutschland anlässlich des Holocaust-Gedenktages an die Verbrechen der Nazi-Diktatur erinnert worden. In vielen Städten gibt es seit Jahren „Stolpersteine“, die an Menschen erinnern, die der Terror damals getroffen hat. In vielen Fällen waren es jüdische Mitbürger, die enteignet, vertrieben und ermordet wurden, aber auch Menschen mit Behinderungen, die dem Massenmord der so genannten „Euthanasie“ zum Opfer vielen.

Die drei Stolpersteine, die es auf dem Stadtgebiet von Radevormwald gibt, können Bürger dank der neuen App des Westdeutschen Rundfunks (WDR) „Stolpersteine“ entdecken. Diese Steine wurden in Radevormwald im Sommer 2016 verlegt. Der Künstler Gunter Demnig war damals vor Ort, um die Steine zu verlegen. Von ihm stammt die Idee zu den Stolpersteinen, die deutschlandweit an die Opfer erinnern. Die ersten Steine hatte er 1996 in Berlin, damals noch illegal, in der Straße verlegt. Das Projekt „Stolpersteine NRW“ des WDR bündelt nun die 15.000 Stolpersteine, die in dem größten Bundesland Deutschlands verlegt wurden. Insgesamt gibt es über 80.000 Stolpersteine europaweit. Die Kunst von Gunter Demnig hat damit ein riesiges Mahnmal erschaffen, das sich wie ein Netz über die Deutschlandkarte legt.

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Der Radevormwalder Lutz Aldermann hat sich die neue App direkt heruntergeladen, als er von dem Projekt erfuhr. Damit war er einer der ersten Bürger der Stadt, die erneut auf die Fährte der Stolpersteine gegangen sind. In Radevormwald erinnern drei Steine an Opfer der Nazi-Zeit. Die Steine in Erinnerung an die Opfer Hans Rolf Selbach, Hilde Hahne und Paula Dürhager wurden im Bezug zu ihrem Wohnort verlegt.

Wie alle Stolpersteine haben auch die in Radevormwald mit ihrem Standort einen direkten Bezug zu der Biografie ihrer Namensträger. Bei der ersten Anwendung der App ist dem ortskundigen Lutz Aldermann direkt ein Fehler in der Verzeichnung der Stolpersteine aufgefallen. „Der Stolperstein für Paula Dürhager ist nicht in Rädereichen eingezeichnet worden, sondern am Bürgerhaus. Die Macher der App haben wohl damit gerechnet, dass sich bei der Vielzahl von Daten auch Fehler einschleichen. So gibt es die Möglichkeit, für jeden Stein ein konstruktives Feedback abzugeben“, sagt Lutz Aldermann.

Diese Möglichkeit hat er direkt wahrgenommen und dem WDR den tatsächlichen Ort des Stolpersteins, nämlich in der Ortschaft Rädereichen, mitgeteilt. Wenige Tage später war die Ortsangabe des Steins bereits korrigiert. Nun liegen alle Stolpersteine in der digitalen Karte für Radevormwald an der richtigen Stelle. „Mir gefällt diese App sehr gut, weil nicht nur die Standorte, sondern auch sehr viele weitere Informationen abgerufen werden können“, sagt Lutz Aldermann.

Die Karte der App zeigt die Steine dort auf, wo sie im Bezug auf die Adresse liegen. Die Hausnummern geben einen konkreten Anhaltspunkt zu dem Ort, allerdings „stolpert“ nur derjenige mit Kopf und Herz, der achtsam durch die Straßen läuft und die Wege, auf denen er geht, aktiv wahrnimmt.

Paula Dürhager, geboren 1893, wurde 1924 in eine Heilanstalt eingewiesen und galt unter der NS-Diktatur als behindert. Mehr als 200.000 Menschen wurden in dieser Zeit in den Aktionen mit dem Namen „Krankenmorde“ getötet. Auf ihrem Stolperstein steht die letzte Zeile „Verhungert 18.4.1944“. Der Neffe der Ermordeten, Hans Dürhager, hat später berichtet: „Was genau mit Tante Paula geschah, weiß ich nicht. Ich weiß nur aus Erzählungen, dass sie eine kluge Frau war, eine Näherin, und sie nach dem Brand des Familienbauernhofes in Rädereichen nach Lüttringhausen in den Tannenhof kam.“ Von dort aus wurde sie 1944 nach Weilmünster gebracht – ihre letzte Station. Hans Dürhager, der 2020 im Alter von 95 Jahren starb, hat sich als Mitglied des Bergischen Geschichtsvereins stets dafür engagiert, die Erinnerung an die Untaten des Nazi-Regimes wachzuhalten. Auch sein Vater, der politisch links stand, wurde verfolgt und im KZ Kemna misshandelt. Dürhager gehörte auch zu den Initiatoren der Gedenktafel am Bürgerhaus. Dort befand sich früher die Polizeiwache, in der es zu Folterungen von Regime-Gegnern kam.

Der Stolperstein für Hans Rolf Selbach liegt in der Burgstraße und damit mitten in Radevormwald. Auch er wurde in Kliniken eingewiesen und am 1. März 1944 in der Klinik Klagenfurt ermordet.

Der dritte und geografisch westlichste Stolperstein in Radevormwald wurde in der Ortschaft Bergerhof verlegt. An der Elberfelder Straße 118 wird an Hilde Hahne erinnert, die wie Hans Rolf Selbach und Paula Dürhager als behindert eingestuft wurde. Sie wurde 1894 geboren und bei der Aktion „T4“ im Sommer 1941 ermordet. Die Namensgebung „T4“ hat sich nach dem zweiten Weltkrieg als Bezeichnung für die systematische Ermordung von behinderten Menschen durchgesetzt, weil diese Morde unter der Leitung der Zentraldienststelle T4 durchgeführt wurden.

Obwohl es die Stolpersteine in Radevormwald bereits seit über fünf Jahren gibt, ist die App eine schöne Möglichkeit, um sich erneut mit dem dezentralen Mahnmal zu beschäftigen und auch für ortsfremde Personen eine Möglichkeit, an die Opfer aus Radevormwald zu denken und ihre Geschichte kennenzulernen.