Radevormwald: Sammler sucht ein Heim für 90.000 Tüten

Kulturgut aus Radevormwald : Sammler sucht ein Heim für 90.000 Tüten

Gerd Mittendorf (81), auch bekannt als Fotograf, will seine einzigartige Sammlung für die Nachwelt erhalten – kein leichtes Vorhaben.

Gerd Mittendorf ist ein Mann mit vielen Interessen. Unter anderem ist er Fotograf mit einem Faible für Industriekultur. In der Henrichshütte in Hattingen hat er im vergangenen Jahr Fotografien unter dem Titel „Schrott“ ausgestellt. Ein Erfolg beim Publikum, wie Mittendorf im Rückblick zufrieden feststellt. Über Radevormwald hinaus ist er aber noch wegen einer anderen Leidenschaft bekannt: Er sammelt Plastik- und Papiertüten, und das im großen Stil. Etwa 90.000 Exemplare hat er inzwischen zusammengetragen. Die Frage, was mit dieser einzigartigen Sammlung eines Tages geschehen soll, treibt Gerd Mittendorf seit geraumer Zeit um – immerhin ist er 81 Jahre alt, und obwohl noch bei guter Gesundheit, macht er sich Gedanken um das Schicksal der vielen Tüten, die er zusammen getragen hat. „Es wäre schön, wenn diese Sammlung in einem Museum für Alltagskultur ihren Platz finden würde“, sagt Mittendorf. „Sie muss erhalten bleiben, das ist ein Stück Kulturgut.“

Kontakt zu Vertretern der Kulturszene hat er bereits aufgenommen. „Jüngst war ich in Berlin und habe mit Bazon Brock gesprochen“, berichtet der gebürtige Remscheider, der schon lange in Radevormwald lebt. Der emeritierte Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal stellte in Aussicht, Gesprächspartner zu vermitteln, damit die Sammlung einen angemessenen Ort findet. Immerhin sind auch Künstlertüten darunter, etwa von Joseph Beuys oder Ottmar Alt. Wichtig sei auch, dass die Exemplare nicht im prallen Sonnenlicht ausgestellt werden, sonst könnten sie verblassen, sagt er.

Gerd Mittendorf und seine Tüten haben weit über Radevormwald hinaus Schlagzeilen gemacht, auch im Fernsehen war er schon mehrmals zu sehen. Inzwischen hat er seine Sammelleidenschaft ein wenig zurückgeschraubt, nicht zuletzt aus Platzgründen. Ganz kann er von den Tüten allerdings nicht lassen: „Ab und zu nehme ich doch noch mal eine mit“, sagt er. Ansonsten frönt Mittendorf, der jahrelang für die Öffentlichkeitsarbeit von Radevormwalds Nachbarstadt Schwelm zuständig war, seiner Leidenschaft für künstlerische Fotografie. Ideen für eine neue Ausstellung hat er bereits, noch sei das Ganze aber nicht in trockenen Tüchern. Ein Blick ins BM-Archiv zeigt: Im Jahr 2001 nannte Mittendorf „nur“ 52.000 Tüten sein eigen. Seither ist die Sammlung weiter gewachsen. „Ich finde es faszinierend, wie stark sich der Zeitgeist in Taschen und Tüten ausdrückt“, erklärte Mittendorf seinerzeit der BM. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Doch der Zeitgeist weht der Plastiktüte kräftig ins Gesicht. Das merkt der Sammler auch deutlich: „Es gibt nicht mehr viele neue Tüten.“ In vielen Geschäften wird heute auf Plastik verzichtet. Und der 81-Jährige kann das gut verstehen. Bei aller Liebe zu den Tüten, er sieht durchaus die Probleme, die Plastikmüll weltweit verursachen, zum Beispiel in den Meeren: „Ich habe eine Reportage über einen Delfin gesehen, der jede Menge Plastik im Maul hatte.“ Ein großer Teil seiner Sammlung besteht allerdings auch aus Papiertüten, etwa 35.000 Stück. „Ich habe übrigens auch noch eine der alten ,Jute statt Plastik’-Taschen“, sagt er.

Und so sind die zahllosen Tüten, die der gebürtige Remscheider von überall her zusammengetragen hat, auch die Dokumentation über eine Zeit, die abgeschlossen ist – die Ära des Plastiks.