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Radevormwald: Peter Frese trainiert Judo-Nachwuchs

DJB-Ehrenpräsident Peter Frese : Durchhalten, bis man stehen bleibt

Peter Frese ist in Krebsöge aufgewachsen – und machte dann Karriere als Judoka. Erst sammelte er Erfolge als Kämpfer, dann bereiste er als Präsident des Deutschen Judo-Bundes die Welt. Heute trainiert er den Nachwuchs in Wuppertal.

Manchmal, bevor Peter Frese in ein Flugzeug nach Japan oder Korea, nach Südafrika oder Australien stieg, machte er sich auf den Weg nach Krebsöge. Bevor er zu großen Judo-Wettbewerben antrat, um Meistertitel und Siege kämpfte, fuhr er in die alte Heimat. Da wandelte er dann auf den Spuren seiner Kindheit, erinnerte sich an seine Anfänge. Er dachte an das Leben in der Großfamilie, mit sieben Geschwistern. Dann spielte es keine Rolle mehr, dass er als Präsident des Deutschen Judo-Bundes Kanzler und Minister traf oder bei Olympia in der ersten Reihe saß.

„Ich bin zu meinen Wurzeln gefahren, um mich zu erden“, erzählt Frese, „um die Bodenhaftung zu behalten“. Er suchte den Weg zur Wupper, an der sich einst seine Eltern kennengelernt hatten. Und er dachte an seinen Großvater, der Fahrdienstleiter am alten Bahnhof gewesen war und ihn manchmal zum Fahrkartenverkauf mitnahm. Diese Ausflüge wirkten nach, er spürte deren Kraft noch, wenn er auf Siegertreppchen kletterte oder auf Ehrentribünen saß.

„Ich war das Älteste von acht Geschwistern“, erzählt Peter Frese, während er sich den rot-weißen Gürtel zurechtbindet, „ich war frech und schwer“. Von Judo allerdings hatte er damals noch nichts gehört. „Das war ein ganz fremdes Wort für mich“, erzählt er. Erst als die Familie längst nach Lüttringhausen umgezogen war und eine neue Heimat auf dem Gedore-Werksgelände gefunden hatte, hörte er zum ersten Mal von diesem eigenartigen Sport. Damals hatte er schon Erfahrung als Handballer im Goldenberger Turnverein gesammelt. Aber als plötzlich eines Abends ein junger Mann auf dem Werksgelände nach dem Raum für das Judo-Training Ausschau hielt und der junge Peter Frese sich mit ihm gemeinsam auf die Suche machte, sah er zum ersten Mal einen Judokampf. „Da dachte ich: Du bist so stark und schwer, die hauste alle weg“, erzählt er lachend.

Aber mitnichten: Er sei bitter enttäuscht worden, war weder der Stärkste noch der Beste. Aber der Zwölfjährige entschied, zu bleiben und zu lernen. „Ich sparte ewig für den Judoanzug und war stolz, als ich endlich bei den Männern mittrainieren konnte“, erzählt der heute 66-Jährige. Aber wieder musst er einstecken: „Am Anfang haben die mich verhauen, aber ich bin wieder aufgestanden. Immer wieder. Und irgendwann bleibst du stehen. Bis zu diesem Moment musst du durchhalten.“

◁ An der Seite von Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust (l.) machte Peter Frese 2003 Werbung für die Olympia-Bewerbung 2012. Foto: imago sportfotodienst

Peter Frese hielt durch und er lernte fürs Leben. Das sei die eine große Lektion: Niederlagen seien nicht das Ende, man müsse sie einstecken, aus ihnen lernen und nicht an ihnen resignieren. Als Kämpfer machte sich der Junge aus Krebsöge schließlich einen Namen – weil er stehen blieb und die anderen zu Fall brachte. Meistens zumindest. „Nur Deutscher Meister bin ich nie geworden, obwohl ich die Konkurrenz zu anderen Gelegenheiten besiegt habe“, erzählt er.

Bis heute wurmt ihn dieser Titel, den er nie holen konnte. Es blieb bei der Bronzemedaille. Eine tolle Zeit sei das trotzdem gewesen. Mit 32 war Schluss: Peter Frese verletzte sich die Schulter und stieg als aktiver Kämpfer aus. Da hatte er die Ausbildung zum Technischen Zeichner schon in der Tasche. Aber er schwenkte um, sage das Studium für Sicherheitstechnik ab und machte sein Diplom als staatlich geprüfter Sportlehrer für Judo. Er wechselte die Seite, trainierte Leistungssportler, förderte Talente, gab seine eigene Erfahrung weiter. In Wuppertal übernahm er eine Judo-Schule, stieg in ein Fitnesscenter ein. „Ich habe nie daran gedacht, Funktionär zu werden“, sagt er.

Aber als der Posten des Präsidenten im Judo-Bund in NRW zur Wahl stand, da bewarb er sich und gewann. Ein Jahr später schenkte ihm seine Frau eine Reise zu den Olympischen Spielen nach Sydney und dort sah er völlig begeistert Anna-Maria Gradante den Titel holen. „Ich wusste, ich wollte noch mehr für diesen Sport tun“, sagt er heute. Noch im gleichen Jahr wurde er zum Präsidenten des Deutschen Judo-Bundes gewählt – und blieb es für 19 Jahre. Er traf Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ministerpräsidenten und die Bürgermeister der großen Städte. Er war bei grandiosen Siegen und schweren Niederlagen dabei. Er hielt Reden bei Weltkongressen, warb in Durban mit einer Delegation deutscher Sportler um die Ausrichtung der Olympischen Spiele in München. „Da sind viele Träume wahr geworden“, sagt er, „das waren schöne Zeiten“.

Im vergangenen Jahr gab er den Posten ab, wurde zum Ehrenpräsidenten gewählt und hält sich heute tunlichst raus. „Ich berate, wenn ich gefragt werde“, erklärt Peter Frese, „das ist das Beste, was ich machen kann“. Er führt seine Judo-Schule in Wuppertal weiter, bietet Lehrgänge an, erweitert sein Repertoire gerade um Rehakurse für Orthopädie und hat ein Bachelor-Sportstudium in Köln aufgenommen. „So kannst du noch mal was machen“, sagt er.

Seiner Philosophie ist er treu geblieben. Es gehe um die Bodenhaftung und darum, auch mit Anstand verlieren zu können. Das ist es, was er heute den jungen Judoka vermitteln will. „Ich hatte Angst vor der Niederlage“, räumt er ein und muss an die Kinder denken, die sich nach einem verlorenen Kampf hinter den Matten in der Halle verstecken. „Ich möchte diese Kinder ermutigen, nicht aufzugeben, sich wieder hinzustellen und durchzuhalten“, sagt Frese.

Peter Frese hat verstanden – dass Niederlagen zwar wehtun, aber dass sie nicht das Ende sind. INFO Auszeichnung für seinen Einsatz Amt Von 2000 bis 2019 setzte sich Peter Frese ehrenamtlich als Präsident des Deutschen Judo-Bundes (DJB) ein. „Ein Vollzeitjob“, sagt er heute. Bereits seit 1999 leitete er den Judo-Bund in NRW. Seit 2019 ist er Ehrenpräsident des DJB. Er lebt mit seiner Frau in Wuppertal. Ehrennadel Neben vielen sportlichen Ehren – wie dritte Plätze bei Deutschen Meisterschaften und Einsätzen in der Bundesliga und im Nationalkader – zeichnete ihn der Deutsche Olympische Sportbund 2019 mit der Ehrennadel aus – er habe das Judo in Deutschland geprägt wie kaum ein anderer, befand die Jury.