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Radevormwald/Köln: Überraschung am sechsten Verhandlungstag

Prozess wegen versuchten Totschlags : Aufregung und Verwirrung um Erkrankung des Angeklagten

Eine unerwartete Entwicklung nahm am Donnerstag der Prozess gegen einen 39 Jahre alten Radevormwalder wegen versuchten Totschlags.

Eigentlich sollte am sechsten Tag in der Verhandlung gegen den 39-jährigen Mann aus Rade am Donnerstagvormittag plädiert werden. Der Angeklagte soll am 5. Dezember des Vorjahres seinen Bruder mit einem BMW angefahren und schwer verletzt haben. Im bisherigen Verhandlungsverlauf war deutlich geworden, dass die Familiensituation des 39-Jährigen in vielerlei Hinsicht kompliziert war und dass er auch mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hatte.

Doch bevor Staatsanwältin, Verteidigung und Nebenklage in die jeweiligen Plädoyers einsteigen konnten, teilte die Verteidigerin mit, dass ihr Mandant in der JVA Köln, in der er seit Januar in Untersuchungshaft sitzt, die Diagnose „Krebs“ mitgeteilt bekommen habe. Sie beantragte daher, da die Erkrankung eventuell in die Bewertung der Tat mit einfließen könne, weitere Untersuchungsergebnisse abzuwarten und die Plädoyers bis dahin zu vertagen. Staatsanwältin und Anwältin der Nebenklage stimmten dem nicht zu.

Das Gericht konnte das zunächst nach einer kurzen Beratung jedoch nicht genau einschätzen. Denn nach Rücksprache mit dem medizinischen Dienst der JVA könne im Moment eine Krebsdiagnose zwar nicht bestätigt, aber eben auch nicht ausgeschlossen werden. Es wurde dann versucht, den Befund aus der JVA zu organisieren sowie die ebenfalls am Prozess beteiligte Gutachterin, eine forensische Psychiaterin aus Köln, zu erreichen, die anhand des Arztbriefs beurteilen sollte, ob ein neuer Termin angesetzt werden müsse oder doch plädiert werden könne.

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Nach rund zwei Stunden Pause wurde die Verhandlung fortgesetzt. Er sei in der JVA im MRT untersucht worden, sagte der Angeklagte, dabei sei ein Tumor im Halsbereich festgestellt worden. „An den Lymphdrüsen, hat man mir gesagt“, sagte er. Die Gutachterin berichtete in der Folge von beginnender Arthrose in der Halswirbelsäule, so ein Befund der Untersuchung. Im Zusammenhang damit seien mehrere Bandscheibenvorfälle zu erkennen. Insgesamt sei das aber kein beunruhigender, sondern ein durchaus altersgemäßer Befund. Ebenfalls sei im MRT eine Schwellung der Lymphknoten zu sehen – wobei jeder Tumor grundsätzlich einfach nur eine nicht weiter definierte Schwellung bezeichne. Mit völlig unklarer Ursache – von Tuberkulose über Syphilis, Rheuma, Virusinfektionen bis hin zu Krebs, so die Gutachterin, könnten die Befunde hier lauten. Gerade Tuberkulose könne eine wahrscheinliche Ursache sein, da die Erkrankung in Haft in jüngster Zeit offenbar vermehrt auftreten würde.

Um die Hintergründe nun genau abzuklären, müsse man jedoch weitere Blutuntersuchungen vornehmen. „Bei Blutuntersuchungen, die bereits vorgenommen wurden, ist jedoch bislang nichts Bedenkliches vorgefunden worden“, sagte die Gutachterin. Insgesamt seien die Werte unbedenklich. „Aus den Werten, die hier vorliegen, kann man nicht absehen, dass Sie Blutkrebs haben“, sagte sie in Richtung des Angeklagten. Allerdings müssten diesbezüglich durchaus weitere diagnostische Untersuchungen vorgenommen werden. Insofern spiele die Diagnose für die Beurteilung des Vorfalls ihrer Meinung nach aber keine Rolle – und die Verhandlung könne somit fortgesetzt werden.