Radevormwald: Idyllisches Landleben an der Grenze

Ortsteil Vorm Baum in Radevormwald : Idyllisches Landleben an der Grenze

Die Ortschaft „Vorm Baum“ liegt im nördlichsten Teil von Rade. Hier hat sich die Familie Rittinghaus über Generationen ein beschauliches Wohnareal geschaffen.

Es ist schon so etwas wie eine Grenzerfahrung, wenn man in den beschaulichen Ort Vorm Baum mit seinen 14 Häusern und etwa 50 Einwohnern kommt. Immerhin bildet Vorm Baum (früher: vur dem Bome) den nördlichsten Zipfel des Oberbergischen Kreises. Im Norden des Orts entspringt die Brebach, welche im Griesensiepen in den Spreeler Bach mündet. Der Spreeler- und die Brebach hingegen bilden die Stadtgrenze zwischen Ennepetal und Radevormwald und sind damit zugleich die Grenze zwischen dem Ennepe-Ruhr-Kreis und dem Oberbergischen Kreis, zwischen den Regierungsbezirken Köln und Arnsberg und zwischen dem Rheinland und Westfalen.

Die Familie Rittinghaus fühlt sich trotz aller Grenzen sehr wohl in der kleinen Radevormwalder Ortschaft. Der ehemalige Bauernhof, in dem Familienvater Heiko Rittinghaus geboren ist, wurde zu einem gemütlichen Wohnhaus umgestaltet. Jedes Familienmitglied geht einer eigenen Arbeit nach. Heiko Rittinghaus ist Industriemeister Metall, Ehefrau Margit, gelernte Fleischereifachverkäuferin, betreibt seit zehn Jahren einen eigenen Partyservice. Tochter Lena (28), die gelernte Köchin ist, hilft an stressigen Wochenenden, als auch in der Woche neben ihrer Arbeit aus, und Sohn Mark (32) ist selbstständiger Dachdeckermeister. Das Landleben genießen auch Hund Calle, die freilaufenden Gänse und Hühner sowie eine streunende Katze. Im Obstgarten wachsen Äpfel, Pflaumen, Birnen, Quitten und Mirabellen – im Gewächshaus werden Salat, Gurken, Radischen und Tomaten angepflanzt. Zudem ranken neben dem Gewächshaus hohe Bohnenreben an einem Holzgestell in den Himmel, Lauchzwiebeln und viele weitere leckere Dinge sprießen aus der Erde. Einige dieser Leckereien werden auch für den Partyservice verwendet. „Wir sind praktisch Selbstversorger“, sagt Heiko Rittinghaus und lacht. So abwegig ist das nicht, gibt es doch sogar eine eigene Verrieselung zur Abwasserbeseitigung.

Der bekannteste Bewohner der Ortschaft war der Maler Paul Wellershaus (1887-1976). Oma und Uroma Ella Rittinghaus, mit 93 Jahren die Dorfälteste, hat noch Bilder des Malers in ihrem Haus hängen. Heiko Rittinghaus erinnert sich: „Ich war als Kind oft in seinem Atelier und habe geholfen oder auch mal Modell gestanden.“ Noch heute treffen sich die Bewohner von Vorm Baum aus alter Tradition zum gemeinsamen Oster- und Martinsfeuer. „Das hat uns als Kindern schon immer viel Spaß gemacht, vor allem die vielen Süßigkeiten die es dann immer gab“, sagt Lena Rittinghaus. In der Jugendzeit der Kinder formierten sich auch die „Opel Freunde Radevormwald“. „Mein Bruder und seine Freunde gründeten damals diese Clique. Man hat sich getroffen, saß gemütlich zusammen oder fuhr einfach mal durch die Gegend“, erzählt die 28-Jährige. Ein Schild an der Garagenwand zeugt noch heute von dieser Zeit. „Damals haben wir auch Straßenfeste organisiert, Spiele gemacht und Essen zu speziellen Themen wie ‚bergisch‘ oder ‚griechisch‘ beigesteuert“, berichtet Margit Rittinghaus. Auch habe man gemeinsam einen Weihnachtsbaum im Ort aufgestellt. „Heute hat keiner mehr die Zeit dazu, und jeder geht seiner Arbeit nach“, bedauert sie.

Eine lange Tradition in der Familie ist das ehrenamtliche Engagement der Familie in der Freiwilligen Feuerwehr. Vater Heiko ist Unterbrandmeister und seit 1976 Mitglied der Feuerwehr, Tochter Lena ist Hauptfeuerwehrfrau, und Sohn Mark ist Einheitsführer der Löschgruppe Remlingrade. Schon die Großväter der beiden Kinder waren in der Freiwilligen Feuerwehr. 1978 musste Heiko Rittinghaus selbst mal mit seiner Einheit einen Hof in Vorm Baum löschen. „1896 hat es auch bei uns gebrannt“, fügt er hinzu.

Doch Modernisierungen machen auch an der Ortseinfahrt zu Vorm Baum nicht halt: ein privater Neubau verändert derzeit das gewohnte Dorfbild, genau da, wo vorher das Haus des Malers Paul Wellershaus gestanden hat. „Man versteht sich aber trotzdem sehr gut miteinander“, betont die Familie. Dennoch zieht es keinen der Familienmitglieder in die Stadt. „Großstädte mit mehr als zwei Fahrspuren pro Straßenseite sind mir ein Graus“, bekennt sich Lena Rittinghaus zum Leben auf dem Land.

Der Name „Vorm Baum“ leitet sich von einem Schlagbaum in der Bergischen Landwehr ab, der sich in dem Durchgang einer mittelalterlichen Altstraße (die heutige Kreisstraße) befunden hat. Von Schlagbäumen und Grenzen ist heute nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Sackgassenschild macht deutlich, dass zumindest für Autofahrer in der Ortschaft Endstation ist. Nur Wanderer und Spaziergänger queren den Ort in Richtung Spreeler Mühle und genießen die wunderschöne Naturidylle am Rand von Radevormwald.

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