Kultur in Radevormwald Am Ende scheint doch noch die Sonne

Radevormwald · Das Rheinische Landestheater Neuss brachte am Mittwochabend mit „Und immer wieder geht die Sonne auf“ ein eindrucksvolles musikalisches Stück Gesellschaftskritik ins Bürgerhaus.

Anton Löwe spielt den Herrn Reiser im Stück „Und immer wieder geht die Sonne auf“.

Anton Löwe spielt den Herrn Reiser im Stück „Und immer wieder geht die Sonne auf“.

Foto: MARCO PIECUCH

Wer am Mittwochabend ins Bürgerhaus zur Musikrevue „Und immer wieder geht die Sonne auf“ ging, in der Hoffnung, einen schönen Liederabend mit Songs des großen Udo Jürgens erleben zu dürfen, dem wurde schon nach wenigen Minuten klar, dass es hier um etwas ganz anderes ging. Das Ensemble des Rheinischen Landestheaters Neuss stieg zwar mit besagter Hoffnungshymne in den Abend ein, aber der restliche Abend war musikalisch dann doch deutlich anders gelagert. Das Stück von Eva Veiders ist kein Konzert im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine Art Musical mit bekannten und unbekannten Stücken aus ganz unterschiedlichen Genres.

Besonders wirkungsvoll war, dass die Stücke von Dominik Dittrich in ein stimmiges Gesamtkonzept arrangiert worden sind. Es wurde viel gesungen vom gut aufgelegten Ensemble, dazu kamen zwei Musiker, Dittrich selbst und Benjamin Leibbrand an Klavier und Saxophon, die für passende Begleitung sorgten.

Und darum ging es: Herr Reiser (Anton Löwe) betreibt sein kleines Reisebüro „Sonnenreisen“. Er träumt sprichwörtlich von der „aufgehenden Sonne“, obwohl er doch eigentlich Reisen verkaufen sollte. Die Chefin der Reisebüro-Kette (Katrin Hauptmann) sitzt ihm mit entsprechenden Wünschen und Forderungen im Nacken. Doch Reiser flüchtet sich lieber in sehr anstrengende und wirre nächtliche Träume, in denen er sich erst einmal selbst fragt: „Was hat dich bloß so ruiniert?“ Natürlich zur Musik des Die-Sterne-Klassikers. Eine gute Frage indes, auf die es aber in der Reiserschen Traumwelt nur eine Antwort geben kann: „Ab in den Süden, der Sonne hinterher“. Und hier kommt dann gleich ein erster Höhepunkt, Schlag auf Schlag ging es zu, als das Ensemble im Flieger in die Sonne sitzend ein Medley mit Hits wie „Somewhere Over The Rainbow“, „Volare“, „Leaving On A Jet Plane“ oder „Über den Wolken“ im Gepäck hatte und dabei wild tanzte.

Aber auch Klimawandel, Krieg, eine Gesellschaft auf dem Weg zur Spaltung gehören zu seiner Traumwelt. Und so ist der Sterne-Auftakt nur eine Ouvertüre für Deichkinds „Leider geil“, Geier Sturzflugs „Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)“ oder dem gesellschaftskritischen Stück „Stacheldraht, Elektrozaun“ des Liedermachers Hans-Eckardt Wenzel. Keine schöne oder gar beruhigende Lage, in der der Träumende sich mit seinen Mitstreitern da befindet. Auch wenn die Musik großartig ist, sowohl in der Präsentation dieses so gut aufeinander eingespielten Ensembles, als auch als Songs – vielleicht hilft da dann nur noch der Ausweg in die Welt der Drogen. „Lucy In The Sky With Diamonds“ von den Beatles, passt da als Untermalung natürlich.

Oder ist es doch die Liebe, die Herrn Reiser glücklich machen kann? Denn um nichts anderes als um die Suche nach Glück und Zufriedenheit geht es in der Geschichte doch. Der „Caravan Of Love“, bekannt geworden durch The Housemartins, ist da ein wunderbar passendes Lied, vor allem dann, wenn der 80er-Jahre-Klassiker zur fetzigen Gospel-Show mit Chef-Sängerin Katrin Hauptmann umfunktioniert wird. Aber leider kann auch die Liebe es nicht richten, Herr Reiser ist nach wie vor ziel- und rastlos, traurig und in seinen Träumen gefangen. Die bringen ihn dann auch noch 20 Jahre in die Zukunft.

Und dann wird es komisch. Denn Herr Reiser darf sich zwischen einem „Aufwachen wie immer“ entscheiden, oder dem Eintauchen in den „Kaninchenbau“, wo er die „einzige Wahrheit“ finden wird. Ein Synonym für Verschwörungstheorien? Und diesen Moment dann ausgerechnet mit „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena zu untermalen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Irgendwann ist Herr Reiser wieder in der Gegenwart angekommen. Und bei aller Gesellschaftskritik, bei allen dunklen Tönen – es gibt ein Licht am Ende des Tunnels.

Schön, dass das Licht gerade von Herrn Reisers Namensvetter Rio Reiser kommt, respektive „Ton Steine Scherben“ und ihrem Stück „Der Traum ist aus“. Denn wie heißt es da? „Der Traum ist aus – aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“ Ein irgendwie beruhigendes und optimistisch stimmendes Fazit, welches vom Publikum auch ausgiebig beklatscht wird.

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