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Radevormwald: Aufwand und Kosten für Telemedizin wären für kleine Hausarztpraxen zu hoch

Der digitale Arzt : Nicht alle Ärzte favorisieren Telemedizin

Aufwand und Kosten wären für kleine Hausarztpraxen kaum zu stemmen, erklärt ein Radevormwalder Arzt.

Die Telemedizin, also das Gespräche mit dem Arzt auf digitalem Wege, erhält durch die Ausbreitung des Coronavirus große Aufmerksamkeit. So meldet das Münchner Unternehmen Jameda, das vielen Nutzern vor allem durch sein Arztbewertungsportal bekannt ist, die Nachfrage nach Videosprechstunden, die das Unternehmen ebenfalls vermittelt, sei innerhalb eines Monats um das Zehnfache gestiegen – so berichtet der Bayerische Rundfunk.

Im Oberbergischen Kreis wird das Thema bereits seit längerer Zeit diskutiert. So hatte Landrat Jochen Hagt im vergangenen Jahr zu einer Informationsveranstaltung für Fachpublikum eingeladen, die in den Räumen der Akademie Gesundheitswirtschaft und Senioren (AGewiS) stattfand. Auch in seiner Weihnachtsansprache griff der Landrat dieses Thema auf: „Menschen, die nicht mobil sind, müssen allerdings teils lange Wege zum nächsten Arzt in Kauf nehmen. Aus diesem Grunde setzen wir uns mit den Möglichkeiten der sogenannten Telemedizin auseinander. Sie bietet die Chance, die ärztliche Versorgung in ländlichen Bereichen mithilfe der Digitalisierung zu ergänzen.“

Der nächste Schritt ist geplant. Ab dem Sommer will der Kreis einen Modell-Versuch starten: Zusammen mit der AOK Rheinland/Hamburg sollen bis zu 1000 ältere Patienten via Telemedizin versorgt werden, dies ist ein Bestandteil des Projektes OBERBERG_FAIRsorgt. Für die Patienten solle ein Bedarfsplan erstellt werden – diesen haben dann der Arzt oder die Geriatrie im Krankenhaus vorliegen, die sich dann per Videochat mit dem Pfleger absprechen können. Das Land Nordrhein-Westfalen plant für 2020 das Projekt „Virtuelles Krankenhaus“. Das Kreiskrankenhaus Gummersbach sei als eines der ersten Krankenhäuser mit dabei. Das alles klingt gut, vor allem in Zeiten des Coronavirus, in denen viele Patienten Ängste plagen, sich im engen Wartezimmer mit dem Erreger SARS CoV-2 anzustecken. Ist die Telemedizin gar die Zukunft der Hausarztversorgung in den ländlichen Gebieten?

Thomas Splittgerber, Sprecher der Ärzte in Radevormwald, bremst diesen Enthusiasmus ein wenig. Zweifellos habe das Konzept der Telemedizin Vorteile für Regionen mit eine geringen Hausarztdichte. „In manchen Gegenden im Kreis müssen Patienten zehn, zwölf Kilometer zum ihrem Hausarzt anreisen“, schildert er die Lage. Und diese Strecken müsste dann wiederum der Arzt zurücklegen, wenn er einem Patienten einen Hausbesuch machen möchte. „Solche Fahrtzeiten halten auf“, erklärt Splittgerber. In einer dicht besiedelten Stadt wie Wuppertal ist das Problem dagegen ein anderes: „Ärzte, die ihre Patienten besuchen möchten, finden einfach keinen Parkplatz.“ Auch das kostet Zeit.

Und dennoch, erklärt der Allgemeinmediziner, käme für ihn persönlich der Einstieg in die Telemedizin nicht in Frage. Schon jetzt müssten die Arztpraxen hohe Investitionen in die Computerausstattung stemmen. „Die Software-Kosten sind enorm“, erklärt Splittgerber. Und der Einstieg in die Telemedizin klappe nur mit weiteren kostenträchtigen Investitionen. „Man muss erst die Strukturen schaffen, damit ein solcher Konzept funktioniert.“ Für die Betreuung der ganzen IT müsse eigentlich eine weitere Fachkraft eingestellt werden – und bei diesem Aufwand stoße eine normale Hausarztpraxis an ihre Grenzen.

„Für kleinere Praxen ist das nach meiner persönlichen Meinung schwer umzusetzen“, resümiert der Mediziner, der gleichzeitig einräumt, dass das Interesse an der Ferndiagnose per Computer derzeit „riesig“ sei.