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Radevormwald: Amokläufe als brisantes Thema auf der Bühne

Kulturkreis Radevormwald : Amokläufe als brisantes Thema auf der Bühne

Mit „Good Morning, Boys and Girls“ widmete sich der Theaterabend des Kulturkreises Amokläufen der Vergangenheit – das war ernst und komplex.

Die 71. Spielzeit des Kulturkreises Radevormwald läuft erst seit einigen Wochen, aber die Abonnenten befinden sich schon mitten im Programm, das oft lustig, aber auch oft ernst ist. Dieser Mittwoch zählte zu den ernsten der Saison, denn es ging um Amokläufe, die sich in den vergangenen Jahren ereignet haben.

Das Jugendstück „Good Morning, Boys and Girls“ von Juli Zeh wurde durch das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel auf die Bühne des Bürgerhauses gebracht. Obwohl das Stück für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet ist, war diese Altersgruppe leider kaum vertreten. Die Erwachsenen verfolgten das Geschehen auf der Bühne aber aufmerksam. Nachdem am Mittwoch tödliche Schüsse in Halle gefallen sind, war die Thematik des Stücks noch brisanter als ohnehin schon. Die Inszenierung von Ralf Ebeling, bei der Sabrina Klose für die Dramaturgie zuständig ist, setzt auf schnelles Theater. Wer zu wem spricht, was nur Gedanken sind und welche Worte tatsächlich in die Öffentlichkeit dringen, ist bei der Inszenierung oft schwer auseinanderzuhalten. Realität und Fiktion fließen ineinander, so dass es den Zuschauern absichtlich schwer fällt, zwischen Wahrheit und Vorurteilen zu unterscheiden. Das Stück beginnt mit einer Aufzählung zahlreicher Amokläufe, die das Ausmaß und die Brutalität der Taten deutlich macht. Julius Schleheck und Edda Lina Janz schlüpfen in die Rollen der Eltern, die versuchen, die Taten ihrer Kinder zu rechtfertigen, zu erklären und selber zu verarbeiten. Im Zentrum der Handlung steht Jens, der von Adrian Kraege gespielt wird. Er plant vor den Augen der Zuschauer seine Tat, malt sich die 15 Minuten aus, in denen er so viele Menschen, wie möglich töten wird. Er hört in seinem Kopf schon, wie seine Eltern Fernseh-Interviews geben, wie seine Mitschüler ihn als typischen Außenseiter beschreiben, wie sein Bild als junger Mann im schwarzen Trenchcoat durch alle Medien geistern wird.

Doch die Begegnung mit seiner Mitschülerin Susanne alias Sabrina Sauer ändert alles. Einfluss hat auch sein Lehrer Herr Patt, gespielt von Felix Zimmermann. Die Auseinandersetzung mit der Thematik ist in „Good Morning, Boys and Girls“ vielschichtig. Sie konzentriert sich nicht nur auf den Täter und seine Probleme selber, sondern auch auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die Amokläufe forcieren.

In einem Interview in der Rheinischen Post/Bergische Morgenpost im April 2010 sagte Juli Zeh, „man muss die Gesellschaft mit in den Blick nehmen“ – und das ist in der Interpretation des Westfälischen Landestheaters gelungen. Die Schriftstellerin studierte Jura und später Europa- und Völkerrecht und erlangte mit ihrem Debütroman „Adler und Engel” einen Welterfolg. Der Theaterabend am Mittwoch dauerte 70 Minuten, die für die Zuschauer sicherlich anstrengend, aber informativ waren. Der Kulturkreis versucht unter Leitung von Michael Teckentrup immer wieder, brisante und schwerere Themen auf die Bühne zu bringen, damit die Spielzeit nicht nur unterhält, sondern auch informiert und bildet. Die Schüler und Jugendlichen der Stadt zu mobilisieren, ist keine leichte Aufgabe.

Neben dem Jugendstück bietet der Kulturkreis auch einen Theatervormittag für Mädchen und Jungen ab sechs Jahren an. Am Freitag, 6. Dezember, 9 und 11 Uhr, zeigt das Theater „Pumuckl zieht das große Los“. Das Kinderstück nach Ellis Kraut wird von der Burghofbühne Dinslaken gezeigt.